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Zwischen Muse, Meditation und Melancholie

Mit seinem aktuellen Album „Elements“ im Mittelpunkt begeistert der italienische Pianist und Komponist Ludovico Einaudi in der Frankfurter Festhalle.
Ludovico Einaudi, der Mann am Klavier, kehrte bei seinem Auftritt in der Frankfurter Festhalle dem Publikum den Rücken zu. Foto: Julian Sajak Ludovico Einaudi, der Mann am Klavier, kehrte bei seinem Auftritt in der Frankfurter Festhalle dem Publikum den Rücken zu.

Ein Großvater von ihm war italienischer Staatspräsident, der andere Dirigent und Komponist. Da die Karrieren der Einaudi’schen Ahnen florierten, konnte auch Vater Giulio Einaudi als Verleger in Turin erfolgreich agieren. Nachhaltig den Werdegang Ludovico Einaudis beeinflusst hat das Aufwachsen in einem den schönen Künsten und der Diskussion zugeneigten großbürgerlichen Elternhaus zwischen Politikern, Künstlern, Autoren und Medienschaffenden. Gut möglich, dass der 62 Jahre alte Pianist und Komponist deshalb von Anbeginn an in der nahezu ausverkauften Frankfurter Festhalle so eine immense Seelenruhe, Tiefe und Kraft ausstrahlt.

Stockhausen-Verehrer

Unterstrichen von auf den Bühnenhintergrund projizierten ineinanderfließenden Aquarellen und weiteren visuellen Beruhigungsstrategien, führt der grauhaarige Brillenträger die zumeist entschleunigten Klanginstallationen seines letzten Albums „Elements“ (2015) auf. Unterfüttert mit weiteren Auszügen aus dem imposanten Werk des einst auf dem Verdi-Konservatorium in Mailand von Avantgarde-Komponist Luciano Berio ausgebildeten Musikers.

Behaupte keiner, dass sich bei einer so geradlinigen Karriere nicht auch ein Stückchen Rebellion involvieren würde. Als glühender Verehrer des deutschen Klang-Avantgardisten Karlheinz Stockhausen verschrieb sich Einaudi anfänglich ganz und gar dem Atonalen. Erst Jahre später begann er, Sentimentales, Melancholisches, Verträumtes, Entspanntes und Meditatives in seine stets präzisen Klavierstücke einzubauen. Was Aufträge für Soundtracks in Kino-, Fernseh- und Bühnenproduktionen nach sich zog und den Musikus alsbald Breitenwirkung spüren ließ.

Seit 1988 entstanden zahlreiche Werke, von denen die Scores zur TV-Neuverfilmung des Klassikers „Doktor Schiwago“ (2002) und zum Blockbuster „Ziemlich beste Freunde“ (2012) gar die internationalen Hitlisten eroberten. Logo, dass solche Popularitätsauszeichnungen im aktuellen Repertoire nicht fehlen dürfen. Stürmisch begrüßt von einer ziemlich heterogenen Besucherschar, die Wert auf Mucksmäuschenstille legt, wird Ludovico Einaudi, als er mit seinen fünf in Schwarz gekleideten Begleitern an Cello, Violine, E-Gitarre, E-Bass sowie Percussion, Vibrafon und singender Säge loslegt.

Innere Unruhe

Wie gewohnt mit dem Rücken zum Publikum, konzentriert sich der Maestro auf die schwarz-weißen Tasten seines aufgeklappten Flügels. Beleuchtung erfahren nur die Hände, die häufig in Großaufnahme in schwarz-weißen Projektionen riesengroß auf den Bühnenhintergrund übertragen werden. Im Programm wechselt minimal-instrumentiert Kontemplatives, dessen Wurzeln auf die Pioniere Brian Eno, Philip Glass, Michael Nyman, Steve Reich und Co. zurückgehen, mit in Lautstärke und Intensität Heftigerem, Radikalerem und Brachialerem, was eine mit Electro-Beats angereicherte Mixtur ergibt, deren Ursprünge im Techno, Trance und EBM zu suchen sind.

Im rund halbstündigen „Piano Solo“ wird die Geduld des Publikums auf eine harte Probe gestellt: Nahezu im Dunklen und ohne Begleiter begibt sich Ludovico Einaudi in zum Teil improvisierten Strukturen auf eine Reise, bei der er die Grenzen seiner Klavierkunst auslotet. Im besten Falle sorgt der Minimalismus für Entspannung.

Bei den etwas anders gepolten Gemütern löst die Monotonie allerdings innere Unruhe aus. Folglich strömen diese Herrschaften in Richtung Getränkestand, Toiletten oder suchen ihr Heil gar vor der Hallentür im Freien. Gestört fühlen sich durch diesen Mini-Exodus wiederum die meditativ Konzentrierten. Minutenlang geht ein undefinierbares Raunen durch Frankfurts Gudd Stubb.

Als schließlich der letzte Ton verklungen ist und der Maestro die Hände von den Tasten nimmt, brandet stürmischer Applaus auf. Zum ersten Mal dreht Ludovico Einaudi sich zum Publikum um und lächelt. Als sich alle für weitere Ovationen von ihren Sitzen erheben, steht auch Einaudi auf, faltet die Hände und macht mehrmals eine Bet-Gestik vor seiner Stirn.

Weitere Werke zwischen Intro- und Extrovertiertheit folgen. Erst zur Zugabe richtet Ludovico Einaudi knappe Worte an die ihn frenetisch Feiernden: „Thank you, Frankfurt! Good night!“

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