E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 31°C

Zwischen den Mauern der Moral

Über „Büchners Frauen“ nähert sich Paul Leonard Schäffer dem Dichter. Bei den Wiesbadener Maifestspielen wurde sein szenisches Werk uraufgeführt.
Zerrissene Seele: Marion (Stine Marie Fischer).	Foto: Lena Obst Zerrissene Seele: Marion (Stine Marie Fischer). Foto: Lena Obst

Zu sehen sind auf der Spielfläche der Staatstheater-Dependance Wartburg vier Frauen - aus „Woyzeck“ und „Dantons Tod“, herausgenommen aus den Zusammenhängen der Dramen. Ihre monologartigen Auftritte positioniert Paul Leonard Schäffers Musiktheater um „Büchners Frauen“ neu.

Dass Georg Büchner ein gewandeltes Verständnis und die veränderte Rolle der Frau im Gefolge der Französischen Revolution reflektiert, aber auch persönliche Wunschvorstellungen und Idealbilder entwirft, trat bei der Aufführung plastisch zutage. Marions sachlich emotionsloser Bericht über ihre Frauwerdung spielt sich gleichsam zwischen statisch wuchtigen Klangmauern ab, sie repräsentieren Gesetz und Moral von Kirche und Staat in ihrer ganzen Kälte. Gefühl zeigt die junge Frau einzig bei der Schilderung des Selbstmords ihres Geliebten und Vaters ihres ungeborenen Kindes. Schäffer gelingt hier eine unsentimentale, beredt anrührende Klageszene. Die Musik nimmt gleichsam die Gestalt eines Tränenschleiers an, durch den Bühnengestalt wie Zuhörer den mondbeschienenen Leichenzug an sich vorüberziehen sehen.

Gespenstisch setzt Schäffer Maries Monolog in Szene. Die Geliebte Woyzecks peinigen innere Stimmen, gewispert, gezischelt erst, dann immer aggressiver von den Instrumentalisten der Ensemble Modern Akademie herausgeschrien. Marie Innerstes wird gleichsam dramatisch nach außen gekehrt. Ein Blick in die Abgründe gerade jenes Typs Frau, der Büchners Fantasie so stark beschäftigte wie kein anderer. Die eigene, sehr reale Verlobte wirkt dagegen blass, bieder, obgleich sie Macht über ihn ausübt. Die eingefügten Briefe Büchners an Wilhelmine Jaeglé, darunter der „Fatalismusbrief“, zeigen, dass es am tieferen Verständnis zwischen beiden fehlt.

Schäffers textlich-musikalische Charakterisierung wirkt mitunter wie eine komprimierte Fassung der einschlägigen Passagen aus Hermann Kurzkes jüngst erschienener Büchner-Biographie. Was nicht das schlechteste Kompliment ist. Mit hoher Intensität agierten die vier Sängerinnen Stine Marie Fischer (Marion), Maren Schwier (Marie), Vanessa Diny (Julie) und Jana Baumeister (Lucile). Stark das 15-köpfige Orchester unter Vimbayi Kazibonis Leitung.

(Ulrich Boller)
Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen