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Tanzkunst: Zwischen tiefem Ernst und Melodram

Von Jacopo Godanis Tanzstück „Extinction of a minor species“ ist ein Jahr nach der Uraufführung im Bockenheimer Depot nicht wärmer, aber klarer.
Michael Ostenrath, Felix Berning, Gustavo Gomes, Daphne Fernberger, Julian Nicosia. Michael Ostenrath, Felix Berning, Gustavo Gomes, Daphne Fernberger, Julian Nicosia.
Frankfurt. 

Auch in der Neufassung behält die abendfüllende, wohl etwas gestraffte Choreografie ihren vieldeutigen Titel über das Aussterben – die Ausmerzung einer kleinen Art. Wie schon in „Primate Trilogy“ bedient sich Godani, seit 2015 Chef der „Dresden Frankfurt Dance Company“, also erneut bei Darwins Evolutionslehre. Seine computeranimierten Tierskelette aus Licht, die in „Extinction“ so effektvoll über Projektionsflächen kriechen, verdanken sich gewiss seiner Kooperation mit dem Senckenberg-Museum.

Ausstattung, Licht, Musik- und Videokonzept (Musik: „48nord“) stammen vom Choreografen, der alles im Griff hat und auch Wissenschaft als Material für eigene Zwecke nutzt. Ein Lehrgedicht ist „Extinction of a minor species“ nicht.

Was erzählt uns die Choreografie, und warum greift Godani auf die Naturwissenschaften zurück? Davon hängt viel ab. Weil eine Kritikerin mit seinen zwittrigen Tierwesen nichts anzufangen wusste, fand sie das Stück vage und wabernd, mystifikatorisch und effekthascherisch. Eine andere lobte das Design und die tänzerische Rasanz, tat das kühl-ziellos Dekorative aber als Energie ohne Wärme ab: ein Ausdruck für Godanis Hang, den Menschen nicht als soziales Wesen zu denken, nur als Gattungswesen Homo sapiens.

Hierarchien des Lebens

Der Titel deutet mehr an als das Aussterben einer beliebigen Spezies, was so undramatisch und langweilig wäre, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. Bei Godani geht es indessen mit Blitz und Donner los (so etwas liebt er), was uns vielleicht an die frühe Erde und Lebensentstehung oder gewisse Reagenzglasversuche mit Strom-Blitzen erinnert. „Extinction of a minor species“ klingt angesichts der Bilder und kostümierten Figurengruppen nicht nach den langen Zeitmaßen natürlicher Selektion.

Viel besser passt die Lesart, dass der Titel eine „major species“ voraussetzt, die das Ausmerzen der „minor species“ verantwortet. Tatsächlich bilden Kostüme und Masken der Tänzer ja eine Hierarchie von Lebewesen ab. Einer pseudo-ägyptischen Pop-Mythologie wie im SciFi-Spielfilm „Stargate“ entsprungen scheinen zwei bis drei Tänzer (die Anzahl wechselt) mit Hunde- oder Schakal-Masken, die durch Stelzen über alle anderen „Arten“ erhaben sind und diese mit langen Stöcken dirigieren, wie Hirten Tierherden lenken. Zur Hand gehen ihnen Tänzer, die in schwarzweißer Motorradkluft soldatisch auftreten.

Der futuristisch gestylte Raum setzt links eine diagonale Projektionsfläche aus flexibel falt- und formbaren Kunststoffbahnen, denen rechts vier treppenartige Metallgestelle gegenüberstehen. Museumsvitrinen? Raubtierpodien? Das Lichtdesign trägt dazu bei, dass man künstliche Räume zwischen Äonen-Raumschiff und „Nachts im Museum“, kosmischem Zuchtlabor („Prometheus“) und SciFi-Weltraumvampiren („Lifeforce“) assoziiert.

Über Leiber gleitend

Einen besonderen Auftritt hat die Gestalt einer Göttin, die über Menschenleiber gleitet und so einen wahren Diven-Auftritt hinlegt. Als „minor species“ schließlich ist die Mehrheit an Tänzerinnen und Tänzer angesprochen, die meist ein verschwindend helles Unterteil und dunkles Oberteil tragen, was sich im Lauf des Stücks aber ähnlich abwandelt wie die Wesensart, die sie tänzerisch und im Gruppenverhalten zur Schau stellen, bis hin zur Pas-de-deux-Fähigkeit denkender Wesen. Eine reine Frauengruppe trägt tropfen- oder kommaförmige Kopfmasken aus weißem Flechtwerk und agiert darin wie eine Art Libellenschwarm.

All das ist so bunt und steht so schräg zwischen dem Ringen um weltanknüpfenden Ernst (wie bei William Forsythe), Pop-Melodramen in Hollywood-Manier, einer Eleganz aus dem Maleratelier und Opernpomp, dass man Godanis Fantasiegemälde aus Menschenzüchterei und Panspermie aus dem Weltraum, aus Flucht vor dem Sozialen und fantastisch-gelacktem Übermenschentum als artistischen Mythenstoff einordnen könnte: l’art-pour-l’art von schöner, selbst im Jähen schmeichelnder Form. Insofern gilt es seine Ästhetik weniger zu durchschauen, als sich genießerisch daran zu gewöhnen.

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