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Heino Ferch über seine Rolle in „Fritz Lang“: „Der Mensch ist unberechenbar“

Mit Filmen wie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ hat Fritz Lang Kinogeschichte geschrieben. Ferch ist in die Rolle des großen, aber tyrannischen Regisseurs geschlüpft.
Ein Mann von Welt mit Zigarette und Monokel: Heino Ferch als Regisseur Fritz Lang. Bilder > Foto: W-film (W-film) Ein Mann von Welt mit Zigarette und Monokel: Heino Ferch als Regisseur Fritz Lang.

Heino Ferch gehört zu Deutschlands beliebtesten und meistbeschäftigten Schauspielern auf Bildschirm und Leinwand. Immer wieder schlüpft der Kapitänssohn aus Bremerhaven dabei in Filmen wie „Der Untergang“ oder „Das Adlon“ in die Rollen realer historischer Figuren. Nun verkörpert der 52-Jährige in Gordian Mauggs gerade angelaufenem halbdokumentarischen Film „Fritz Lang“ den legendären österreichisch-deutschen Filmemacher Fritz Lang (1890–1976). Maugg rekonstruiert die Entstehungsgeschichte des frühen Tonfilms „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931, Drehbuch: Thea von Harbou), in dem Peter Lorre einen Serienmörder spielt, der Berlin in Angst und Schrecken versetzt. Zu Langs Meisterwerken gehören die Stummfilme „Der müde Tod“ (1921), die „Mabuse“-Filme (ab 1922), „Die Nibelungen“ (1924) und „Metropolis“ (1927). Die Nazis sollen versucht haben, den Filmemacher für sich zu gewinnen. 1933 emigrierte Lang über Paris in die USA, wo er zu den erfolgreichen Exil-Regisseuren zählte. 1956 kehrte er nach Europa zurück und drehte mit dem Produzenten Artur Brauner etwa „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“. André Wesche sprach mit Heino Ferch über den großen Fritz Lang.

Herr Ferch, wie vertraut waren Ihnen Leben und Werk des Fritz Lang?

HEINO FERCH: Sein Leben war mir weniger vertraut, das Werk halbwegs. Ich kannte in erster Linie Langs Werke aus den 20ern und 30ern und die späten europäischen Filme aus den 60er Jahren.

Sind Sie jemand, der reale Personen intensiv studiert und recherchiert, oder verlassen Sie sich weitgehend auf Drehbuch und Regie?

FERCH: In diesem Fall waren es Drehbuch und Regie. Gordian Maugg ist ein Mann der Historie und verfügt über exzellente Kenntnisse. Er macht nur alle paar Jahre einen Film und hatte dieses Projekt schon seit einigen Jahren in der Pipeline. Unser Film ist weniger ein Biopic als vielmehr eine Versuchsanordnung, eine Vision, wie „M“ entstanden sein könnte. Immer auf der Grundlage des zentralen Themas, das Lang interessiert haben muss. Der Film zeichnet das Bild einer gespaltenen Persönlichkeit. Ich habe mich natürlich damit auseinandergesetzt, was Lang für ein Mensch war. Wie hat er auf seine Umwelt gewirkt? Wie ist sein Umgangsstil mit den Menschen am Set gewesen?

Und? Was haben Sie gefunden?

FERCH: Er war wohl ein sehr dominanter, teilweise erschreckender Mensch. Ich habe versucht, eine stimmige Atmosphäre um die Figur eines getriebenen Menschen zu schaffen, der ganz neue Wege geht. Lang nimmt aus einer Situation der Stagnation heraus ein Thema auf, das ihn offenbar so irrsinnig beschäftigt, dass er geradezu besessen sein bisheriges filmisches Schaffen über den Haufen wirft und sich neu erfindet.

Wie authentisch ist der Film?

FERCH: Fritz Lang ist bei seinen Recherchen dem Düsseldorfer Frauenmörder Peter Kürten, bekannt als „Vampir von Düsseldorf“, gefolgt. Er hat den ermittelnden Kriminalrat Gennat aufgesucht, den man ob seiner Kunst als den ersten Profiler Deutschlands bezeichnen kann. Lang kannte ihn noch von seinem eigenen Fall. Damals hatte sich ein Schuss aus seiner Pistole gelöst und seine Frau getötet. Es konnte nie nachgewiesen werden, ob Lang abgedrückt hat oder ob der Schuss versehentlich losging. Das alles ist Fakt. Lang hat mit „M“ und Peter Lorre wirkliche Filmgeschichte geschrieben. Es war sein erster Tonfilm und hat ihn vor eine große Herausforderung gestellt. Lang inszenierte nicht länger vor allem Massenszenen, er konzentrierte sich auf einen einzelnen Menschen und folgte ihm. Die Dualität seiner eigenen Persönlichkeit darin zu spiegeln, ist sicherlich ein fiktionales Element, ein interessantes „So könnte es gewesen sein“. Lang hat den Film für ihn völlig untypisch innerhalb einiger Wochen abgedreht. Vorher hatte er immer Monate gebraucht und die Produzenten und Studios mit seinen Vorstellungen wahnsinnig gemacht.

Was hat Sie an Fritz Lang überrascht?

FERCH: Vielleicht diese Härte, mit der er seine Schauspieler behandelt haben muss. Das hätte ich so nicht erwartet. Das betraf selbst gestandene Leute. Peter Lorre war damals schon ein bekanntes Gesicht, kam aber mit dem Film „M“ ganz groß heraus. Ich kenne ja selbst die verschiedensten Herangehensweisen von Regisseuren. Aber so eine Härte habe ich nicht erwartet. Da braucht es Menschen, die extrem stabil sind, um das auszuhalten.

Glauben Sie, dass Sie mit Lang hätten zusammenarbeiten können?

FERCH: Es kommt darauf an, in was für einer Phase des eigenen Lebens und Schaffens man einen solchen Menschen trifft. Heute wäre es mir wahrscheinlich möglich, ich könnte professionell damit umgehen. Aber für einen noch jungen Schauspieler wäre das sehr hart.

Spielt man für Schwarzweiß anders als für Farbe?

FERCH: Nein! (lacht) Aber die Frage ist interessant. Auch in dieser Hinsicht finde ich „Fritz Lang“ besonders und schön. Als Gordian Maugg darüber nachdachte, ob er wirklich Schwarzweiß drehen sollte, habe ich gesagt: „Macht es doch bitte!“ Wann hat man schon die Gelegenheit, einen Schwarzweißfilm zu drehen?

Warum üben Geschichten von Mord und Totschlag so eine Faszination auf das Publikum aus?

FERCH: Der Mensch ist von diesem schmalen Grat zwischen Gut und Böse fasziniert. Es könnte jedem von uns auch passieren, dass man auf einmal mit dem Messer dasteht oder eine Waffe in der Hand hält. Es ist die Faszination der eigenen Unberechenbarkeit und der Frage, ob es nicht für jeden Menschen eine Situation gibt, in der er nicht mehr zu halten ist. Wann schaltet sich die Vernunft aus? Schaltet sich etwas anderes ein, von dem wir nicht wissen, ob und wann es uns trifft? Ich glaube, es gibt für jeden eine Situation, in der er zum Tier werden könnte. Selbst wenn man glaubt, dass so etwas in der zivilisierten Gesellschaft Europas 2016 nicht passiert, wenn man alle Sinne beisammen hat.

Glauben Sie, dass es eine Veranlagung zum Bösen gibt?

FERCH: Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Die äußeren Einflüsse, die Dinge, die das Leben mit einem macht, haben definitiv ein großes Gewicht.

„Fritz Lang“ zeigt, wie damals gefeiert, gekokst und viel Alkohol getrunken wurde. Heute schreiben Schauspieler Ernährungsratgeber und veröffentlichen Fitnessvideos. Ist unsere Welt gesund, aber langweilig geworden?

FERCH: Nein, langweiliger nicht. Vielleicht nicht mehr so exzessiv. Obwohl, wenn man sich manche dieser Ernährungs- und Fitnessberater anschaut, sind sie auch auf ihre Weise exzessiv. Das Lebensgefühl hat sich geändert. Wenn man heute einen Film mitträgt, muss man eine verlässliche Größe und kompatibel sein. Beim heutigen Produktionstempo braucht man eine gewisse Stabilität und Gesundheit, um diesem Druck standzuhalten. Rockstars mögen ihr Leben auch heute noch exzessiv gestalten, auf der Bühne, davor und danach. Aber wer begriffen hat, dass Körper und Geist unsere einzigen Instrumente für diesen Beruf sind, und wer sie schützen möchte, wird sich von Drogen fernhalten. Trotzdem gehört von Zeit zu Zeit auch mal eine Party dazu.

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