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„Eintracht war ein gutes Omen“

Im Frankfurter Römer ist der Schriftsteller Bodo Kirchhoff (68) gestern Abend mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet worden. „Widerfahrnis“ heißt die Novelle, die nun auf jedem Büchertisch des Landes ausgelegt sein wird.
Lebt seit mehr als 40 Jahren in Frankfurt: Bodo Kirchhoff. Früher war Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld sein Verleger, heute ist es dessen Sohn Joachim. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Lebt seit mehr als 40 Jahren in Frankfurt: Bodo Kirchhoff. Früher war Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld sein Verleger, heute ist es dessen Sohn Joachim.

Da musste er selbst erst einmal schlucken, der große Bodo Kirchhoff. Er stand da, auf dieser hellerleuchteten Bühne, die Hände lagen eng am Körper, und aus dem Publikum rief jemand: „Bravo“. Kirchhoff, in Hamburg geboren, lebt seit mehr als 40 Jahren in Frankfurt. Seit 1979 hat er rund 20 Romane veröffentlich. Regelmäßig gibt er am Gardasee Schreibkurse. Gestern Abend ein Höhepunkt seiner Laufbahn: Kirchhoff wurde im Kaisersaal des Römers mit dem Deutschen Buchpreis 2016 ausgezeichnet. „Ich bin sehr viel glücklicher, als man mir das vielleicht ansieht“, sagte er, als der stürmische Applaus langsam abebbte.

„Widerfahrnis“ lautet der Titel der nun zum „besten deutschsprachigen Roman“ des Jahres ernannten schlanken Novelle. Kirchhoff erzählt darin von der kurzen Urlaubsreise eines ehemaligen Verlegers und einer ehemaligen Hut-Verkäuferin. Spontan fährt das ältere Paar mit einem Cabriolet nach Italien, Richtung Sizilien. Auf ihrer Reise gabeln sie ein bettelndes Flüchtlingsmädchen auf. Eine rasante Road-Novel nimmt ihren Lauf.

Melancholische Glückssuche

Kirchhoff verhandelt in seinem schmalen Büchlein Moral und Religion, Eifersucht und Sehnsucht. Man kann „Widerfahrnis“ als Parabel lesen: Plötzlich bricht die Flüchtlingswelle in das westliche Wohlstandsleben ein. Die siebenköpfige Jury unter Vorsitz des Frankfurter Literaturkritikers Christoph Schröder fand in dem Text ein „dichtes Erzählgeflecht“. „Widerfahrnis“ erzähle von der Gegenwart „und davon, wie zwei melancholische Glückssucher den Menschen begegnen, die in der Jetztzeit den umgekehrten Weg von Süden nach Norden antreten. Kirchhoffs ,Widerfahrnis’ ist ein vielschichtiger Text, der auf meisterhafte Weise existenzielle Fragen des Privaten und des Politischen miteinander verwebt und den Leser ins Offene entlässt“. Kirchhoffs Novelle galt im Vorfeld der Preisverleihung bei vielen als Favorit, Kritiker waren voll des Lobes. Einige sahen in „Widerfahrnis“ die Essenz des beinahe 40-jährigen Schaffens des Frankfurters.

Kirchhoff, der über die Auszeichnung äußerlich überrascht schien, hatte offenkundig dennoch eine Rede vorbereitet: Es sei ein gutes Omen gewesen, dass die Eintracht am Wochenende ein Unentschieden gegen die Bayern errungen habe: „Das gab mir ein gutes Gefühl.“ Frankfurt pries er als eine weltoffene Stadt mit großer geistiger Tradition. Nach Frankfurt sei er damals wegen eines Verlags gekommen. Jeder im Römer wusste, dass er den mittlerweile nach Berlin umgezogenen Suhrkamp-Verlag meinte. Kirchhoffs heutiger Verleger ist der Leiter der Frankfurter Verlagsanstalt, Joachim Unseld, Sohn des früheren Suhrkamp-Chefs. Unseld gehörte im Kaisersaal zu den lautesten Jublern.

Gleichwohl waren weitere starke Romane ins Rennen um den Buchpreis gegangen. Allen voran der Krankheitsbericht „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle (41). Der Autor beschreibt darin seine bipolare Störung. Dieser aufwühlende Text ist ein literarisches Ereignis: Es ist die Analyse einer Lebenstragödie, poetisch und voller Witz. Auch dieser kräftezehrende Roman hätte die Auszeichnung verdient gehabt. Besondere Aufmerksamkeit wurde auch dem Roman „Hool“ des Debütanten Philipp Winkler (30) zuteil, der vor einigen Tagen mit dem „Aspekte“-Preis als bestes literarisches Debüt des Jahres geehrt wurde. Winkler erzählt in „Hool“ die Geschichte eines Hooligans. Die Sprache ist hart, präzise, schnell, und die Buchpreis-Jury lobte: „Dieses Thema wurde in der deutschsprachigen Literatur noch nicht behandelt.“

Außerdem nominiert waren das düstere Familienporträt „Fremde Seele, dunkler Wald“ von Reinhard Kaiser-Mühlecker (33), die melancholische Jugend-Erinnerung „Skizze eines Sommers“ von André Kubiczek (47) sowie der komplexe Story-Band „Ein langes Jahr“ von Eva Schmidt (64).

Bodo Kirchhoff erhält für die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ins Leben gerufene Auszeichnung 25 000 Euro, die fünf weiteren nominierten Autoren jeweils 2500 Euro. Doch viel wichtiger als das Preisgeld ist die Aufmerksamkeit, die die Auszeichnung auf die Bücher lenkt. Dass sich die Jury für Kirchhoffs Novelle entschieden hat, mag nachvollziehbare Gründe haben. Doch wie sagte Jury-Sprecher Schröder bei der Preisverleihung: „Jeder Leser liest sein eigenes Buch.“ Mit Kirchhoff gewinnt ein bereits exponierter und seit langem erfolgreicher Schriftsteller diesen populären Preis. Die eher konventionell erzählte Novelle wird vermutlich ein breites Publikum ansprechen.

Im vergangenen Jahr, als der Offenbacher Schriftsteller Frank Witzel mit dem ebenso umfangreichen wie komplizierten Erinnerungsbuch „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Preis gewann, verflog die Hoffnung auf ein einträgliches Geschäft im Buchhandel relativ schnell. Dies dürfte mit Kirchhoffs schmalem Buch nun anders sein.

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