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Peter Tschaikowskys Meisterkomposition: „Eugen Onegin“ hatte Premiere an der Oper Frankfurt

Von „Eugen Onegin“ gilt als Höhepunkt der romantischen russischen Oper. Die Frankfurter Neuinszenierung unter Generalmusikdirektor Weigle feuert die Gefühle an.
Dass Olga (Judita Nagyová, vorne links) mit Eugen Onegin (Daniel Schmutzhard) tanzt, will dem am Rande stehenden Lenski (Mario Chang, rechts) gar nicht gefallen. Es beginnt jene Eifersucht in ihm zu glühen, die zu einem Duell führen wird. Dass Olga (Judita Nagyová, vorne links) mit Eugen Onegin (Daniel Schmutzhard) tanzt, will dem am Rande stehenden Lenski (Mario Chang, rechts) gar nicht gefallen. Es beginnt jene Eifersucht in ihm zu glühen, die zu einem Duell führen wird.
Frankfurt. 

Nein, einen Landsitz mit Garten gibt es nicht! Vorne prunkt ein repräsentatives Foyer, hinter der Wand liegt die schäbige, weißgekachelte Küche. Einen feinen Petersburger Ballsaal sieht man auch nicht; vielmehr spielt der dritte Akt in einer tristestmöglichen Wartehalle. Bühnenhohe Absperrgitter signalisieren: Hier kommt keiner rein! Oder keiner raus! War das der Grund, warum einige Besucher vernehmlich Missfallen äußerten über diese neue Inszenierung? Dorothea Kirschbaum, die die Konzeption des zwei Wochen vor der Premiere erkrankten Jim Lucassen zu Ende geführt hat, braucht diese Räume, um den Menschen auf die Spur zu kommen. Sie spielen mit den Gefühlen, ebenso mit ihren eigenen wie mit denen der anderen, grob fahrlässig, aus lauter Langeweile, maßlos übersteigert, unfähig zu Contenance und Diplomatie.

Tschaikowskys Musik unterstützt diesen Ansatz. Sie schwelgt in hier sanfter, dort düsterer Melancholie, kann sich impulsiv auch zuspitzen und sich wieder in Depressionen fallen lassen. Und auf einmal tanzen alle, scheinbar heiter und beschwingt! Ein weiter Raum, den Sebastian Weigle und das Frankfurter Museumsorchester beweglich umreißen und mit Seele füllen. Es tönt warm und glutvoll, hinreißend entfalten sich die Melodien, die Tanzstücke gelingen elegant auf trügerisch doppeltem Boden, weil aller Wohlklang sich blitzschnell auch verwandeln kann, ohne dass die Sänger unnötig forcieren müssten.

Weltschmerz glüht

Tschaikowsky hat eigentlich keine Oper verfasst, sondern „Lyrische Szenen“. Er lässt sich mit der knappen Handlung viel Zeit. Die braucht man auch, um gleich das erste Bild (Bühne: Katja Hass) in seiner Fülle studieren zu können. Die Maler in den Werkstätten der Städtischen Bühnen haben die geschwungene Trennwand liebevoll mit einem Groß-Mosaik bestempelt. Es zeigt den Aufbau des Sozialismus – Russland eben, das im 20. Jahrhundert nicht weniger an Tristesse und melancholischem Weltschmerz litt als im 19. Jahrhundert. Werktätige beiderlei Geschlechts recken revolutionär die Fäuste oder zeigen ihre Werkzeuge, Kinder und Greise heucheln Solidarität, Friedenstauben umschwirren einen Soldaten, ein Mann sitzt am Robotron-Rechner, die ersten Kosmonauten wirbeln durch den Raum und künden vom Ruhm der Nation, der sich im Hintergrund in Baustellen, Kraftwerken und zerstörter Umwelt zeigt. Ja, hier lässt sich fein repräsentieren, zwischen gestapelten Stühlen, in altmodischen Einheitskostümen (Wojciech Dziedzic) und mit prächtigem Chorgesang (präzise und differenziert einstudiert von Tilman Michael).

Dreht sich die Bühne, wird gearbeitet. Eine Bäcker-Brigade („Uns schmerzen die Füße vom Stehen, die Hände von der Arbeit. . .“) formt und knetet Brotlaibe. Resolut und mit unwiderstehlicher Energie organisiert Larina die Abläufe (in Servierschürze und rotlockiger Perücke: Barbara Zechmeister). Die lebenslustige Olga (Judita Nagyová mit feurigem Mezzo) tändelt mit ihrem Liebhaber Lenski herum; ihn umgibt Mario Chang, eher dramatisch als lyrisch, mit einer narzisstischen Aura. Ein zudringlicher Männertyp, der nur Alles oder Nichts kennt, sofortige Erfüllung oder Eifersucht. Beim atemberaubend spannend gestalteten Duell gegen Onegin, das Lenski mit Mäßigung und Einsicht so leicht vermeiden könnte, wird ihm dies zum Verhängnis.

Höchste Leidenschaft

Bleiben Onegin und Tatjana. Olgas jüngere Schwester, von der Maske ältlich gemacht, ist ein unattraktiver Bücherwurm, der Leben und Liebe nur vom Lesen her kennt. Sie verfällt dem routinierten Bonvivant von nebenan mit Haut und Haaren, kaum dass sie ihn kennengelernt hat. Sara Jakubiak prunkt hier schon mit der Substanz ihres kraftvollen Soprans, der zunächst einem scheuen Mädchen zu leihen wäre, das mit pochendem Herzen die Liebe entdeckt und beschließt, sich in einem Brief zu erklären. Diese berühmte Szene im ersten Akt erreicht ein Höchstmaß an Leidenschaft und, gepaart mit Gesten und Gängen, innerem Engagement, das Onegin arrogant und doch ehrlich zurückweist. Eine Restglut dieser Gefühle flackert im dritten Akt auf; Tatjana, nun ergraut, gehorcht kühl der ehelichen Pflicht gegenüber ihrem Mann. Fürst Gremin (im Habitus eines knarzigen Generals: Robert Pomakov) kann stolz sein auf seine so viel jüngere Frau! Die versammelte Gesellschaft drängt Onegin hinaus und schiebt die Gitter zu. Wer aber hat hier verloren? Der Außenseiter oder diejenigen, die ihn aus- und sich einschließen und tiefschwarzer Langeweile, Ritualen und Routinen verfallen.

Daniel Schmutzhard muss hier einen elend langen und hohen Ton der Verzweiflung stemmen, während er vorher mit schlankem Bariton einen hier eleganten und undiplomatischen, dort zynischen und maliziösen Lebemann gab. „Wir werden gehen, uns küssen, altern“: Verse von Anna Achmatova prangen in kyrillischer Leuchtschrift über dem Spielort. Das ist der Lauf der Dinge. Dieser „Eugen Onegin“ erzählt vom Menschen, der lernen muss, seine Gefühlswelt einzurichten, wo und wann auch immer. Puschkin hat das schonungslos beschrieben, Tschaikowsky in wunderschöne, tief empfindende Musik gekleidet – und die Oper Frankfurt hat einen neuen Publikumsmagneten.

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