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Trio Barbara Dussler, Kruna Savic und Karoline Reinke: „Gebt mir eure Müden, eure Armen“

Von „Carolin Wirth inszenierte, Nils Strunk komponierte an Wiesbadens Staatstheater-„Wartburg“ den Liederabend „Home Sweet Sweet Home“.
Gerümpel und Trödel dienten als Kulisse beim von Carolin Wirth inszenierten Liederabend. Foto: Karl & Monika Forster Gerümpel und Trödel dienten als Kulisse beim von Carolin Wirth inszenierten Liederabend.

Ein Viertelhundert Lieder nebst Kleinkram in Prosa trägt das in flotten neunzig Minuten vor. Ein berückendes Programm, an dessen Anfang das Staunen über die von Franziska Bornkamm („Heimkehr“) übernommene Kafka-Szenerie steht: Stühle türmen sich gen Himmel, Küchen- und Wohn-Elemente sind in alle Winde verstreut, Klaviere, Tasten und Gitarren warten auf Strunks beseelende Hände.

Dann ein milder Schock: Eröffnung mit dem deutschen Schlager „Am schönsten ist es zuhause“ von einer Elfi Graf. Der Kitsch-Auftakt bildet freilich eine Zugankunft ab: passt. Auch verhindert das pastos dosierte Sentiment, dass es zu intellektuell losgeht. Den Kontrapunkt setzt ein tolles Medley mit Chor und Kanon aus Brechts Deutschland-„Kinderhymne“ („...Und das liebste mag’s uns scheinen/ So wie andern Völkern ihrs“), Beethovens EU-Hymne, Bechers „Auferstanden aus Ruinen“ plus „Marseillaise“. Das richtige Deutschlandlied folgt später: in Moll.

Viele Theater fordern den Ensembles Musical-Talente ab. Die blonde Reinke, die dunkle Savic und die brünette Dussler, als Karoline, Kruna und Barbara typartig abgesetzt, haben damit kein Problem. Alle Vier bringen den eigenen Geschmack ein. Den roten Faden liefert halbwegs universelles Liedgut: „Über allen Gipfeln“, Grönemeyers „Mensch“, Schlippenbach/Silchers „Nun leb’ wohl , du kleine Gasse“ (1853), Stevie Wonders „Pastime Paradise“ bis zu Emma Lazarus’ Versen für die Freiheitsstatue: „Gebt mir eure Müden, eure Armen,/ Eure geknechteten Massen“. Was wäre heute aktueller?

Doch geht auch das Intime der Mundart-Nummern wie „Mir sin wie mer sin/Unsere Stammbaum“ der „Bläck Fööss“ gern ins Weite. Sind wir nicht alle „Jecken“: wurzelnd in aller Welt, wenn der Blick zurückgeht? Schauspieler-Arien ergeben auch Reinkes Chanson „Nantes“ (von Barbara, 1963), Dusslers schwäbisierte „Fever“-Fassung und Savics Zigeunerlied-Pathos.

Vorherrschend bleibt der Charme- und Kurzweil-Faktor. Neben einem Running Gag mit „Home“ von „Magnetic Zeros“ („Alabama, Arkansas . . .“) mischen sich Disneys „Dschungelbuch“ und „Mary Poppins“ im Ratespiel oder nur so mit „Pippi Langstrumpf“, Georg Kreislers weltmännischem Schtetl-Lied „Ich fühl mich nicht zu Hause“, den „Beatles“ („Blackbird“), Nancy Sinatras Liebeslied „Bang Bang“ und deutschem Hip-Hop: als Anti-Berlin-Hymne („Schwarz zu Blau“) und ironischer Kommentar zur AfD-Idiotie mit den „Beginnern“ („Ohne Migration, vollkommen unterfremdet“).

Zeigt Strunks Kreisler-Wahl die geraubte Heimat als jüdisches Trauma, so wiederholt sein Liedvortrag „My Baby Boy“ dies (von „Angelcy“, Israel). Wem alle klingenden Kleinodien nichts sagen, sieht sich von „Oasis“ versöhnlich verabschiedet: „Don’t Look Back in Anger!“

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