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Frankfurter Fantasy-Filmfest: „German Angst“ – die Deutschen zittern leicht

Von Im Metropolis-Kino gibt es wieder zwei Tage lang die neuesten Produktionen aus dem Reich des schönen Schreckens zu sehen. Er lauert in jeder Ecke.
Vor Horror und Wahn ist niemand sicher in dem Episodenfilm »German Angst«. Der dritte Teil, »Alraune«, wurde von Andreas Marschall gedreht. Der Regisseur kommt während des »Fantasy-Filmfests« zur Vorstellung seiner Werks und zum Gespräch mit dem Publikum nach Frankfurt.	Foto: Filmfest Vor Horror und Wahn ist niemand sicher in dem Episodenfilm »German Angst«. Der dritte Teil, »Alraune«, wurde von Andreas Marschall gedreht. Der Regisseur kommt während des »Fantasy-Filmfests« zur Vorstellung seiner Werks und zum Gespräch mit dem Publikum nach Frankfurt. Foto: Filmfest

Beinahe täglich zeigen die Nachrichtensendungen gruselige Bilder von den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Braucht es angesichts des realen Schreckens noch Horrorfilme? Oder gar einen 48-Stunden-Gänsehaut-Marathon namens „Fantasy Filmfest Nights“?

Würde das düsterste aller Genres seinen Reiz nur aus der Aneinanderreihung abscheulicher Gewaltszenen beziehen, müsste die Antwort negativ ausfallen. Doch der Horror auf der Leinwand leistet weit mehr, als durch grelle Effekte zu schockieren. „Der Mensch lernt dadurch, mit den unangenehmen Seiten des Lebens zurechtzukommen“, sagt der Psychologe Ulrich Kobbé. Aus der sicheren Distanz des Kinosessels kann sich der Zuschauer auf spielerische Weise seinen Ängsten stellen und sie verarbeiten. Die Katharsis-Wirkung, die schon Aristoteles vor über zweitausend Jahren als „Läuterung der Seele von Erregungszuständen“ beschrieb, ist das zentrale Element jedes guten Horrorfilms.

„Sie treffen tief, graben lang unterdrückte Befürchtungen aus und richten einen magischen Spiegel auf die verworrenen Beziehungen der Gesellschaft“, meint der britische Filmwissenschaftler Derek Winnert. Meister des Fachs, wie Alfred Hitchcock, Roman Polanski oder George A. Romero, konfrontieren das Publikum mit verdrängten Schattenseiten und provozieren zum Nachdenken, noch lange nachdem der Spuk vorüber ist. Die modernen Horrormärchen mit ihrer Mischung aus albtraumhaften Fantasie-Szenarien und ätzender Sozialkritik, haben ihre Wurzeln in Deutschland. Es waren die frühen Meisterwerke des Expressionismus, etwa Robert Wienes „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1919) oder F. W. Murnaus „Nosferatu“ (1922), die prägend wurden, indem sie zwischen schaurig-schön fotografierten Zombies und Vampiren die wirtschaftliche und politische Orientierungslosigkeit ihrer Zeit hinterfragten.

 

Dämonische Leinwand

 

Selbst in Hollywood bewunderte man die „dämonische Leinwand“ der Deutschen und kopierte ihren Stil. Heute ist der deutsche Film kein Vorreiter mehr im Horror. Nur wenige Produzenten und Regisseure trauen sich noch, im Genre Fuß zu fassen. Zu schwierig scheint die Finanzierung, zu groß ist die Furcht vor dem Vergleich mit den US-Hochglanzproduktionen und einem Flop an der Kasse. Es fehlen Wagemut, Experimentierfreude und Vertrauen in das eigene Können. Stattdessen herrscht das große Zaudern – „German Angst“, wie die Amerikaner diese Form anscheinend typisch deutscher Zögerlichkeit nennen.

Da ist es nur passend, dass drei deutsche Filmemacher ausgerechnet „German Angst“ als Titel für einen knallharten Episodenfilm gewählt haben, der seine Premiere bei den „Fantasy Filmfest Nights“ im Frankfurter Metropolis-Kino hat und die „dämonische Leinwand“ wieder aufs spannendste aufleben lässt. Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski und Andreas Marschall zeigen, wozu der deutsche Film fähig ist, wenn ausgetretene Pfade verlassen werden. Finanziert durch eine Spendensammlung im Internet, also „Crowd Funding“, fasst „German Angst“ heiße Themen der Zeitgeschichte an. Fremdenhass, Kindesmissbrauch und Vergnügungssucht, verpackt in eine fiebrig-fetzige Bildsprache, die auch die Angehörigen der abgebrühten Generation Smartphone von ihren Displays aufschauen lassen sollte. Andernfalls würden sie das zu Herzen gehende Schicksal des „Final Girl“ (Lola Gave) verpassen, die erklärt, dass Meerschweinchen nicht kuscheln möchten und mit einer Gartenschere ins Schlafzimmer ihres Vaters (Axel Holst) schleicht, um für dessen Übergriffe blutige Rache zu üben.

Regisseur Buttgereit ist seit den späten 80er Jahren für seine derben Schocker bekannt („Nekromantik“), beweist in dieser Episode aber auch Gespür fürs Psychologische. Sein aus Polen stammender Kollege Michal Kosakowski verarbeitet in „Make a Wish“ ein persönliches Trauma. Der taubstumme Protagonist Jacek (Matthan Harris) erzählt seiner ebenfalls taubstummen Freundin Kasia (Annika Strauss) in einer leerstehenden Fabrik die Geschichte seines Glücksbringers: 1943 hat ein polnisches Mädchen ihn bei einem Überfall der Nazis auf ihr Dorf benutzt, um einen Bauern und einen SS-Offizier die Körper tauschen zu lassen. Als Jacek und Kasia durch die Bande des Skinheads Gottfried (Daniel Faust) angegriffen werden, soll der Talisman erneut ein Wunder vollbringen. So märchenhaft die Geschichte anmutet, so beängstigend konsequent werden Rassismus und Gewalt vorgeführt.

 

Eintritt für Eden

 

Andreas Marschalls expressionistisch angehauchte Großstadt-Sage „Alraune“ bildet den krönenden Abschluss der Trilogie. Der Berliner Fotograf Eden (Milton Welsh) lernt in einem Club eine bezaubernde Frau (Kristina Kostiv) kennen und verfolgt sie bis zur Eingangstür einer geheimen Gesellschaft, die vom undurchsichtigen Petrus (Rüdiger Kohlbrodt) bewacht wird. Um eintreten zu dürfen, muss Eden einen hohen Preis zahlen. Wie weit geht man für die absolute Befriedigung seiner Wünsche? Was hat Andreas Marschall auf die Idee zu dieser radikalen Sucht-Story gebracht? Fragen, die der Regisseur seinem Publikum beantworten kann, denn Marschall ist am 28. März um 20 Uhr zu Gast in Frankfurt, um „German Angst“ vorzustellen.

Neben dem herausragenden deutschen Beitrag gibt es bei den Fantasy-Filmfest-Nights weitere kontroverse Produktionen zu entdecken, die sich trauen, schmerzliche gesellschaftspolitische Entwicklungen abzubilden. Regisseurin Ana Lily Amirpour präsentiert den ersten Vampir-Thriller aus dem Iran, der Motive des Spaghetti-Western und Teenager-Dramas mit morbider Comic-Atmosphäre verbindet. Eingehüllt in betörende SchwarzWeiß-Aufnahmen erzählt „A Girl walks Home alone at Night“ von der Begegnung zwischen dem Kleinkriminellen Arash und einer einsamen Dame, die Kopftuch trägt und ihre spitzen Zähne gerne in die Hälse böser Männer bohrt. Eine muslimische Vampir-Frau, die zum Symbol für den Kampf um Frauenrechte wird – das hat es noch nie gegeben. Das ausdrucksvolle Gesicht und die hypnotisierenden Augen der Hauptdarstellerin Sheila Vand dürften den Festivalbesuchern im Gedächtnis haften bleiben.

Eine nicht minder sehenswerte Entdeckung ist die deutsche Schauspielerin Nadia Hilker. Sie spielt in „Spring“ die schöne Italienerin Louisa, in die sich der amerikanische Tourist Evan (Lou Taylor Pucci) verliebt. Nicht ahnend, dass Louisa ein monströses Geheimnis mit sich herumträgt. In Zeiten oft oberflächlicher Gefühle setzt sich das Regieduo Justin Benson und Aaron Moorhead für wahre Liebe ein, die auch im Angesicht von Krankheit und Tod ihre Gültigkeit nicht verliert.

Ein Star ist Antonio Banderas, der in „Automata“ durch die Wüste einer postapokalyptischen Welt des Jahres 2044 stapft. Die wenigen Menschen, die eine verheerende Umweltkatastrophe überlebten, lassen sich im Alltag von Robotern bedienen. Bis sich die künstlichen Sklaven zur Wehr setzen. Die Huldigung an Klassiker wie „Blade Runner“ überzeugt durch ein intelligentes Drehbuch, das die Frage aufwirft, ob der Mensch trotz technischer Befähigung in die Schöpfung eingreifen und Gott spielen sollte. Als Herren über Leben und Tod führen sich auch die Wissenschaftler in „The Lazarus Effect“ auf. Sie erfinden ein Mittel, das Verstorbene aus dem Totenreich zurückholt. Zoe (Olivia Wild) wird zur ersten Versuchsperson. Doch die junge Frau ist nach ihrer Erweckung längst nicht mehr so freundlich wie früher. In ihrem ehrgeizigen Forscherdrang haben die Ärzte nämlich übersehen, dass der Mensch nicht nur aus einem Körper besteht, sondern ebenso aus einem Geist – und der mag es gar nicht, wenn er in seiner ewigen Ruhe gestört wird.

 

Traumata des Krieges

 

Einen Störenfried der besonders unheimlichen Art gibt Dan Stevens, Star der Fernsehserie „Downtown Abbey“, in dem bleihaltigen Thriller „The Guest“. Familie Peterson trauert um ihren in Afghanistan gefallenen Sohn. Eines Tages steht sein Kriegskamerad Caleb vor der Tür, der letzte Grüße überbringt und den Hinterbliebenen helfend zur Seite steht. Aber ist Caleb wirklich ein selbstloser Samariter? Als Tochter Anna über den Veteran recherchiert, setzt sie Ereignisse in Gang, die in ein Blutbad münden. Der Synthesizer-Soundtrack und die tödliche Präzision, mit der Caleb vorgeht, wecken Vergleiche mit „Terminator“ und „Rambo“. Regisseur Adam Wingard und Autor Simon Barrett begnügen sich allerdings nicht mit Zitaten. „The Guest“ ist ein eigenständiges Werk, das die Schrecken eines als fern empfundenen Krieges an der Heimatfront explodieren lässt und enthüllt, was Nachrichtenbilder nicht zeigen: die Traumata gequälter Seelen.

 

„Fantasy Filmfest Nights“. Metropolis-Kino, Eschenheimer Anlage 40, Frankfurt.
28. und 29. März. Karten zu 9 Euro vom 20. März an unter Telefon (069) 95 50 64 01. Internet www.cinestar.de

 

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