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Konzert in Frankfurt: „The Cure“ verdüsterten die Frankfurter Festhalle

Von Die Indie-Band „The Cure“ machte ihren Auftritt in der Frankfurter Festhalle zur zweieinhalbstündigen Werkschau: gar nicht alt und zum Heulen schön.
Rot geschminkte Lippen, schwarze Lider und Vogelnestfrisur: Seinen Markenzeichen ist der Sänger und Gitarrist Robert Smith von „The Cure“ treu geblieben. Foto: Sven-Sebastian Sajak Rot geschminkte Lippen, schwarze Lider und Vogelnestfrisur: Seinen Markenzeichen ist der Sänger und Gitarrist Robert Smith von „The Cure“ treu geblieben.
Frankfurt. 

Niemand hat das je für möglich gehalten – dass Robert Smith einmal 57 sein könnte. Robert Smith durfte für alle Zeiten nur dieser etwas pummelige, todtraurige Junge sein mit dem Weinen in der Stimme, mit den rot geschminkten Lippen, den schwarzen Lidern und der Zombieblässe im Gesicht. Aber es ist wahr: Der Junge mit der Vogelnestfrisur auf dem Kopf ist 57 Jahre alt. Und er weint so schön! Noch immer. Wie damals, in den 80ern, und später noch oft. Und jetzt wieder in der Frankfurter Festhalle. Vielleicht ein bisschen weniger todtraurig, vielleicht nicht mehr in den höchsten Tönen – aber er weint.

Bilderstrecke The Cure begeistern in der Frankfurter Festhalle
Die britischen Rockgrößen von The Cure begeisterten am Montag (07.11.2016) mit einem Konzert in der Frankfurter Festhalle.Die britischen Rockgrößen von The Cure begeisterten am Montag (07.11.2016) mit einem Konzert in der Frankfurter Festhalle.Die britischen Rockgrößen von The Cure begeisterten am Montag (07.11.2016) mit einem Konzert in der Frankfurter Festhalle.

Was haben da nicht alles für bizarre Kreaturen, Geister und Gespenster genistet in dem dunklen Haargestrüpp! Was wurde da nicht alles ausgebrütet! Schwere, finstere Krähen sind aus dem wirren Geäst aufgeflogen, melancholische Nachtigallen, Fledermäuse, dämonische Eulen.

Dafür gab es einen Grund: No Future

Zwitschernde Singvögel sind dort geschlüpft, aber auch diese luftig-leichten, bunt schillernden Kolibris, die wie Insekten durch die Seele schwirren, für einen Augenblick innehalten und schon wieder weiterflattern. Was von ihnen zurückbleibt, ist ein Klang, eine Melodie, oft für immer. Aus seinen großen Schmerzen hat Robert Smith seine kleinen Lieder gemacht: „Boys Don’t Cry“. Das taten sie trotzdem, damals in den 80ern. Denn dafür gab es einen Grund: No Future.

Die Utopien waren verbraucht, der Kalte Krieg schien nie zu enden. Das Böse war überall, und die Freundin nur eine Sehnsucht oder soeben verschwunden: Es war die Hölle. Während die einen gut gekleidet Party machten, wiegten sich die andern müde im Weltschmerz, besuchten Friedhöfe und scheuten das Licht. Es war schick, trostlos und Existenzialist zu sein. Die Verzweiflung trug schwarzen Mantel aus dem Second-Hand-Laden und Spinnweben im toupierten Haar: „Seventeen Seconds“, „Faith“, „Pornography“, so hießen die „Cure“-Alben für den Trip nach London oder West-Berlin, in irgendeinen romantisch-morbiden Underground-Club im Schatten der Mauer, der „Delirium“ hieß oder „Abwärts“ oder irgendsowas. „I’m alive, I’m dead, I’m the stranger. Killing an Arab“ – klar, Smith hatte seinen Camus gelesen. Wir auch. Der Song ist in der Festhalle natürlich nicht mehr im Programm. Wo kämen wir sonst auch hin – in diesen Tagen?!

Überhaupt ist da vieles nicht im Programm, vor allem nicht alle Hits. Aber wer in einem Konzert von Robert Smith unentwegt Hits erwartet, von denen er ja abendfüllend viele geschrieben hat, der hat „Cure“ nicht verstanden. Smith hat nie fürs Gute-Laune-Format-Radio komponiert, selbst wenn er schließlich dort gelandet ist. Songs zur Volksbelustigung? Irrtum. Der Mann ist Künstler, Grübler und – natürlich: strahlender Finsterling, nach wie vor, kein haltlos heiterer Pop-Star. Sein Werk ist ja der Übellaunigkeit abgetrotzt. Es hat etwas Spaßbremsenhaftes. Wer tanzen will, muss deshalb auch munter Trübsal blasen. Wer auf die Gipfel des Vergnügens will, muss auch durch die Abgründe der düstersten Depression.

Klar hat der „Cure“-Gast für „Why Can’t I Be You“ bezahlt, aber eben auch für „A Forest“, für einen knuddeligen „Lovesong“, doch für das schaurige „One Hundred Years“ ebenso. „Just Like Heaven“ und „It doesn’t matter if we all die“ sind selbstverständlich eins. Das muss man begreifen, wenn man sich nicht zwischendurch langweilen will. Dabei klingen die Songs so rockig wie nie zuvor. Selbst die Monotonie drängt plötzlich mächtig vorwärts, ein Verdienst auch des virtuosen Gitarristen Reeves Gabrels, der schon für David Bowie gewirkt hat, und des druckvollen Schlagzeugers Jason Cooper. Simon Gallup schleppt seinen Bass wie stets mit hängenden Schultern über die Bühne, so als zwinge ihn die Schwerkraft immer tiefer in den Kriechgang. Ungeheuer, wie er aus seinem Instrument Schockwellen von archaischer Wucht hervorzupft. „The Walk“ donnert durch die Halle wie das gewaltige Walzwerk eines kosmischen Maschinenraums.

Und Robert Smith? Er greint und weint und knödelt, ein kleiner trauriger Junge im schwarzen Wams, das Vogelnest dünner, die Stimme auch. Aber wie er da im subtil austarierten Lichtzauber steht, mit seiner Gitarre mal in psychedelisch wabernde Klanguniversen, mal in wütende Soundekstasen wegdriftet, wie er sich in Stimmungen verliert, in exzentrisch-exotischen Kunststücken und wilden Räuschen, wie er da auf der Bühne steht, kaum einmal hilflos mit den Armen rudert, gegen Ende gar ein paar zögerliche, einen Tanz nur andeutende Trippelschritte macht, das ist doch noch immer der etwas pummelige, todtraurige, inzwischen 57 Jahre alte Junge, der keinen Trost findet. „In Between Days“, „Pictures Of You“, „Lullaby“, „Close To Me“ – Hits genug unter den 29 Songs, drei Zugabenblöcke und mittendrin eine der schönsten unter den vielen schönen Smith-Kunstperlen, vom schönsten aller „Cure“-Alben, von „Kiss Me Kiss Me Kiss Me“: „If Only Tonight We Could Sleep“. Zum Schluss heißt es da: „Don’t let it end“. Schön wär’s. Alles endet. Nach zweieinhalb Stunden endet auch die Magie eines „Cure“-Konzerts.

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