Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Komödie war erfolgreichster deutscher Kinofilm 2016: „Willkommen bei den Hartmanns“: Lachen erleichtert die Flüchtlingskrise

Prominente Darsteller wie Elyas M’Barek und Senta Berger ziehen immer. Doch das allein ist es nicht, was der Kinokomödie einen solchen Erfolg beschert.
Ganz unterschiedliche Vorstellungen von einem Leben in Deutschland treffen in Verhoevens Kinokomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ aufeinander: hier die fürsorgliche pensionierte Lehrerin Angelika (Senta Berger), dort der staunende Flüchtling Diallo (Eric Kabongo). Foto: Warner Bros. Ent. (Warner Bros. Ent.) Ganz unterschiedliche Vorstellungen von einem Leben in Deutschland treffen in Verhoevens Kinokomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ aufeinander: hier die fürsorgliche pensionierte Lehrerin Angelika (Senta Berger), dort der staunende Flüchtling Diallo (Eric Kabongo).

Der Verleih Warner Bros. spricht gar von einem „Neuen Meilenstein“: „Willkommen bei den Hartmanns“ ist der erfolgreichste deutsche Film des Jahres 2016. Die Regiearbeit von Simon Verhoeven lockte bislang mehr als drei Millionen Zuschauer in die Kinosäle und sicherte sich damit eine Goldene Leinwand. Mit aktuell 3,3 Millionen Kinobesuchern in Deutschland, Österreich und der Schweiz bescherte die Flüchtlingskomödie bereits kurz vor Jahreswechsel ein Einspielergebnis von knapp 25 Millionen Euro. Und der Erfolgskurs scheint weiterhin ungebremst – auch in ihrer neunten Woche nach Kinostart hält sich die prominent besetzte Komödie um die Familie Hartmann und den Flüchtling Diallo standhaft in den Top 10 der deutschen Kinocharts.

Nerv getroffen

Doch was sind die Gründe für diesen außergewöhnlichen Erfolg? Sind es allein die prominenten Darsteller Elyas M’Barek, Senta Berger, Heiner Lauterbach und Uwe Ochsenknecht, die so viele Menschen ins Kino locken? Dass ein Film mit einer solchen Besetzung im Kino gut laufen würde, ist zwar ziemlich wahrscheinlich. Doch der Erfolg von „Willkommen bei den Hartmanns“ ist überwältigend. Bereits in den ersten 10 Tagen nach Kinostart Ende Oktober sahen 1,13 Millionen Besucher die Komödie und katapultierten sie auf Platz 1 der Kinocharts. „Das ist einfach nur krass! Ein großes Dankeschön an alle, die uns weiterempfohlen haben“, jubelte Regisseur Simon Verhoeven damals via Facebook.

Regisseur Simon Verhoeven ist der Sohn von Senta Berger. Bild-Zoom
Regisseur Simon Verhoeven ist der Sohn von Senta Berger.

Der Münchner hat einen Nerv getroffen mit der Geschichte über eine Familie, die einen Flüchtling aufnimmt. Während Politik und Gesellschaft erbittert über den Umgang mit Asylsuchenden streiten, verteilt er Seitenhiebe in alle Richtungen, hintergründig, humorvoll. Gleichzeitig muss Verhoeven aber einiges einstecken, wie so manche Internet-Kommentare zeigen. Ein „Heilmittel zur Entkrampfung“ nennt die Medienmanagerin Bettina Reitz die Komödie, in der Berger und Lauterbach ein Ehepaar spielen, das den Nigerianer Diallo (Eric Kabongo) bei sich aufnimmt. Die Diskussion rund um Flüchtlinge, Asyl und Einwanderung werde in Deutschland oft sehr dramatisch und ernsthaft geführt. „Wenn nun ein Angebot kommt, das das Ganze mit Humor und mit Parodieelementen anbietet, dann ist ein Großteil der Bevölkerung erst mal dankbar“, glaubt die Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film München.

Hier das Leid der Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten dieser Welt, dort die lustige Komödie – darf das sein? „Klar, auf jeden Fall!“, hatte Verhoeven zum Kinostart der Deutschen Presse-Agentur im Interview erklärt. „Der Film kann keine große Lösungen bieten, aber er kann helfen, über sich selbst und die anderen zu schmunzeln und eine Art Versöhnung zu befördern, so wie das auch die Familie Hartmann erlebt.“

So sieht es auch Reitz, die früher beim Bayerischen Rundfunk (BR) als Spielfilmchefin für Filme wie das Oscar-gekrönte Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ verantwortlich war. „Dramen und schwierige Themen führen oft zu einer Distanzbildung, dass man erst mal Berührungsängste hat, dass man seine Vorurteile bemüht und dass man vor allem auch viele Ängste hat“, sagt sie.

Doch bei allem Jubel und aller Freude über den Kinoerfolg gibt es auch eine Schattenseite. Von Anfang an hätten einige sehr aktive „Hater“ den Film im Internet böswillig kommentiert und ihm auf allen möglichen Filmseiten schlechte Bewertungen verpasst, hatte Verhoeven vor einigen Tagen auf seiner Facebookseite beklagt. Sie würden den Film „als eine Art ,Propaganda-Film‘ völlig missverstehen“ und Vorurteile jeder Art hineinprojizieren, „ohne ihn je gesehen zu haben!“. So kam „Willkommen bei den Hartmanns“ auf der Infoseite IMDb auf gerade mal 6,6 von 10 möglichen Sternen. Und auf Youtube gibt es üble Kommentare zum Filmtrailer.

Heftige Kritik geerntet

Auch von anderer Seite hatte der Film heftige Kritik geerntet, war der belgische Musiker und Schauspieler Eric Kabongo alias Diallo doch auf dem Kinoplakat nicht mit Namen erwähnt worden. „Bei diesem Film wurde der Hauptdarsteller einfach vergessen“, schrieb etwa die B.Z. Berlin, und die „taz“ sprach von einem „Poster-Fauxpas“. Auch Verhoeven zeigte sich „nicht glücklich“ mit dem Marketing, warb aber um Verständnis. Es sei üblich, auf Plakaten nicht alle Darsteller zu nennen, Uwe Ochsenknecht und Ulrike Kriener stünden trotz ihrer Rollen in dem Film auch nicht auf dem Plakat. Rassismus sei überhaupt nicht im Spiel. „Unser Film wird von rechtsaußen angegriffen, mit einer Vehemenz, von der Ihr nichts ahnen könnt. Und das allein deshalb, weil wir einen dunkelhäutigen Darsteller dabei haben.“

„Willkommen bei den Hartmanns“ könnte erst der Anfang einer Reihe von Filmen rund um das Thema Flüchtlinge sein. „Ich glaube, dass der Simon Verhoeven da eine Tür aufgestoßen hat“, sagt Bettina Reitz. Bei den Studenten der Münchner Filmhochschule sei das Thema schon länger präsent. Zu politisch sieht Verhoeven sein Werk ohnehin nicht: „Mein Film hat gar keine politische Message, er ist politisch total inkorrekt, genau wie die Realität es ist“, erklärt der Filmemacher. Er stelle eher Fragen, auch unbequeme, und teile nach allen Seiten aus, rechts wie links. „Letztlich steht aber die Versöhnung einer zerstrittenen Familie im Vordergrund – und das ist doch eine schöne Message, egal, wie man tickt.“

Zur Startseite Mehr aus Kultur

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse