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Neueste Kreation: Reis mit Hühnchen: Herr Oliveira und die 870 Eissorten

Venezuela versinkt gerade im Chaos, aber Manuel da Silva Oliveira grübelt auch mit 86 Jahren noch über neue Eissorten nach. Seine Eisdiele schaffte es ins Guinness-Buch der Rekorde. Krise? „Ich hab den Zweiten Weltkrieg überlebt.”
Eisdielenbesitzer Manuel da Silva Oliveira in Mérida (Venezuela) unter der Tafel mit den Eissorten. Foto: Georg Ismar Foto: Georg Ismar Eisdielenbesitzer Manuel da Silva Oliveira in Mérida (Venezuela) unter der Tafel mit den Eissorten. Foto: Georg Ismar
Mérida. 

Die Tafel mit den Eissorten nimmt eine ganze Wand ein. Von Hot-Dog-Eis, über Miss-Venezuela-Eis bis zur neuesten Kreation: Reis mit Hühnchen.

Es gibt auch weniger fleischlastige Sorten: Feige, Mokka, Lachs, Tomate. Aber auch romantische wie „Amor de mi Vida” - „Liebe meines Lebens”, „Corazón mio” - „mein Herz” und „Noche de Bodas” - „Hochzeitsnacht”. Wenn gerade eine Liebe zerflossen ist, bietet sich „Tränen der Liebe” als eiskalte Aufmunterung an. 

Auf der Bank unter der Tafel lassen sich die Gäste die etwas bizarren Eissorten schmecken. Von Krise und Mangel keine Spur - aber auch hier, in der Andenstadt Mérida im Westen Venezuelas, starben zuletzt junge Demonstranten bei Protesten gegen eine drohende sozialistische Diktatur, gegen die Misswirtschaft unter Präsident Nicolás Maduro. Hier drinnen ist dagegen heile Welt. Am Eingang prangt unter dem Schriftzug „Heladeria Coromoto” in bunten Lettern „Récord Guiness”.

Während zwei Damen Eiskugeln aus den Eimern in der Auslage kratzen, sitzt hinten auf einem Hocker Manuel da Silva Oliveira. Stolz auf sein Lebenswerk. 1953 kam er aus Portugal nach Mérida. Hier gibt es mit 12,5 Kilometern über fünf Stationen auch die längste und höchste Pendelseilbahn der Welt - sie fährt auf 4765 Meter hoch und bietet einen Ausblick auf den höchsten Berg, den Pico Bólivar. Aber sie ist hoch defizitär, da Touristen einen Bogen um das von Krise und hohen Gewaltraten erschütterte Land machen. Aber im „Coromoto” gibt es für alle Fälle natürlich auch die Eissorte „El Turista” - „der Tourist”. 

Im Laden hängen hunderte vergilbte Bilder von Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, die mit dem Eis von Oliveira groß geworden sind. „Ich bin ein Erfinder”, erzählt der 86-Jährige. Klar, Milch und Zucker seien kaum noch zu bekommen, 2014 schloss man kurzzeitig, weil es keine Milch mehr gab. „Wir haben heute 870 Eissorten im Angebot.”

Aber da steckt auch etwas Marketing dahinter - nur ein Bruchteil davon ist auch erhältlich. Das ganze läuft im Rotationsverfahren, meist gibt es 50 Sorten in der Auslage pro Tag. Beim Hot-Dog-Eis wird alles klein geschnitten, auch Pommes und Ketchup, es wird verrührt und unter Zugabe von Milch gefroren. Oliveira verschwindet kurz, er kommt mit einer Ausgabe des Guinness-Buchs der Rekorde 1996 zurück. Dort wurde er mit „nur” 593 Sorten Rekordhalter, „alle natürlich”.

„Mein Beruf ist eigentlich Koch.” 1981 kam er auf die Idee mit der Eisdiele. „Das ganze Eis war mir immer viel zu chemisch.” Hier seien alle Sorten natürlich. Los ging es mit Klassikern wie Vanille und Erdbeere, der erste Renner wurde das Avocado-Eis. Als das Geschäft wegen des Milchmangels ein paar Wochen zu war, wurde das gleich zu einem Politikum. „Selbst beim Eis endet die Revolution”, lautete ein Kommentar bei Twitter. Venezuela hat eigentlich die größten Ölreserven der Welt, das Land war das reichste in Südamerika.

Nach 18 Jahren sozialistischem Experiment gleicht das Land unter Führung von Präsident Nicolás Maduro aber einem Pulverfass. Durch die höchste Inflation der Welt können Importe aus dem Ausland kaum noch bezahlt werden. Es fehlt Mehl für Brot, auch Milch ist ein Luxusgut. Schlangestehen vor - oft leeren - Supermärkten ist trauriger Alltag.

Bei der „Heladeria Coromoto” lässt sich über Geschmack sicher streiten. Oliveiras Lieblingssorte? „Mais mit Käse.” Zwei große Kugeln kosten 3300 Bolivares, rund 70 Cent, aber die Inflation macht das für viele unerschwinglich. Ob er denn nicht manchmal verzweifele, ob des ganzen Dramas, das ja auch sein Geschäft schwerer mache? „Nein”, sagt der Einwanderer aus Portugal. „Ich habe den Zweiten Weltkrieg überlebt.” 

(Von Georg Ismar, dpa)
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