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Suhrkamp distanziert sich von Tellkamp

Der preisgekrönte Autor Uwe Tellkamp provoziert mit Äußerungen über Flüchtlinge und Meinungsfreiheit. In seiner Heimatstadt Dresden ist ihm Beifall sicher - zumindest von einem Teil der Bevölkerung. Sein Verlag rückt indes von ihm ab.
Der Schriftsteller Uwe Tellkamp provoziert. Foto: Sebastian Kahnert Der Schriftsteller Uwe Tellkamp provoziert.
Dresden. 

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp („Der Turm”) hat mit Äußerungen über Flüchtlinge und angeblich drohende Repressionen gegen Andersdenkende in Deutschland für Kritik und Irritationen gesorgt. Bei einem Disput am Donnerstagabend im Dresdner Kulturpalast betrieb er zudem auch Medienschelte.

Wer sich kritisch äußere, werde gleich in die rechte Ecke gestellt, lautete eine These Tellkamps. Der Suhrkamp-Verlag ging auf Distanz: „Aus gegebenem Anlass: Die Haltung, die in Äußerungen von Autoren des Hauses zum Ausdruck kommt, ist nicht mit der des Verlags zu verwechseln. #Tellkamp”, twitterte der Verlag. In sozialen Medien gab es Kritik und Zuspruch für den 49 Jahre alten Autor. Manche Kommentare sahen ihn am rechten Rand wandeln. Andere lobten Tellkamps „klare Haltung”.

Auslöser war eine von der Stadt Dresden am Donnerstag anberaumte Debatte. Vor etwa 800 Zuschauern traf Tellkamp in einer Diskussionsrunde im Kulturpalast auf den Lyriker und Essayisten Durs Grünbein, der gleichfalls aus Dresden stammt und wie Tellkamp bei Suhrkamp verlegt wird. Dem Titel nach sollte sich die Debatte um Meinungsfreiheit drehen. Großen Raum nahm später aber gerade bei Tellkamp die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ein. „Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent”, sagte Tellkamp zu Motiven von Asylbewerbern und erntete dafür Protest.

Nach einer Debatte um rechte Verlage auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr hatte Tellkamp bereits als Erstunterzeichner einer „Charta 2017” von sich reden gemacht. Damals warnten die Initiatoren vor einer drohenden „Gesinnungsdiktatur” in Deutschland. Daran knüpfte er am Donnerstagabend an. Derzeit gebe es zwar noch keine „Repressionsmühlen” in Deutschland, sagte Tellkamp, fügte diesem Satz aber ein verschwörerisches „noch nicht” an. In Deutschland existiere ein „Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung”: „Meine Meinung ist geduldet, erwünscht ist sie nicht.” Er wolle seine Meinung aber ohne Furcht sagen dürfen.

Einwände von Grünbein und der Moderatorin Karin Großmann, die die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht bedroht sahen, überzeugten Tellkamp augenscheinlich nicht. Gewalt in der Gesellschaft sah er vornehmlich von der linken Antifa ausgehen. Tellkamps Körpersprache war anzumerken, wie sehr ihn diese Themen erregten. Grünbein dagegen warb für einen Wandel in der politischen Debatte und verteidigte die großzügige Aufnahme von Asylsuchenden durch die Bundesregierung auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015.

Beifall bekamen an diesem Abend beide Diskutanten. So wie auf dem Podium ging der Riss mitten durch den Saal. Die Stadt Dresden freute sich am Freitag über das großes Interesse an der Diskussionsrunde unter dem Titel „Streitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?”. Neben 800 Gästen im Saal hätten etwa 1000 Zuschauer das Geschehen im Live-Stream verfolgt. „Diese Diskussion macht einmal mehr deutlich, wie groß das Bedürfnis der Bürgerinnen und Bürger ist, relevante gesellschaftspolitische Themen öffentlich zu diskutieren”, erklärte Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch. Eine lebendige Demokratie brauche Kontroverse und Selbstbefragung.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer verteidigte am Tag danach den Schriftsteller. „Ärgerlich ist die schon wieder beginnende Stigmatisierung”, sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur. Tellkamp sei ihm als kritische Stimme willkommen. „Ich wünsche mir, dass wir in der Sache diskutieren. Wenn ein Streitgespräch zur Verurteilung einer Person führt, darf man sich nicht wundern, wenn keine offene Debatte mehr geführt wird.”

In seinem Roman „Der Turm” (2008) hatte Tellkamp die letzten Jahre der DDR von 1982 bis 1989 im bürgerlichen Dresdner Milieu aufgearbeitet. Dafür erhielt er unter anderem den Deutschen Buchpreis. Der Regisseur Christian Schwochow verfilmte den Roman mit Jan Josef Liefers und Claudia Michelsen in den Hauptrollen. Der von der ARD im Oktober 2012 erstmals ausgestrahlte Zweiteiler wurde mehrfach preisgekrönt. Das Werk wurde auch auf die Bühne gebracht.

(Von Jörg Schurig, dpa)
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