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Kommentar: Alice Schwarzer: Keine Freiheit ohne Mut

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Alice Schwarzer mischt sich ein. Foto: Henning Kaiser Alice Schwarzer mischt sich ein.

Gäbe es das Wort „streitbar“ nicht schon, für Alice Schwarzer müsste man es erfinden. Hat sich doch Deutschlands bekannteste Feministin stets mit allen gern und öffentlich angelegt: mit Abtreibungsgegnern ebenso wie mit Islamisten, mit dem vermeintlichen Sextäter Jörg Kachelmann ebenso wie mit Ex-Ministerin Kristina Schröder.

Dass sie dabei oft über das Ziel hinausschießt und durch eine Steueraffäre an moralischer Glaubwürdigkeit verlor, schmälert nicht ihre Verdienste. Sie ist in einer Zeit groß geworden, in der ein Ehemann über seine Frau bestimmen, ihr etwa das Arbeiten verbieten oder sie vergewaltigen durfte. Dass sich das geändert hat, ist einer gesellschaftlichen Debatte zu verdanken, die Schwarzer mitprägte. Doch kann das heute Grundlage für den Feminismus sein?

Die #Metoo-Debatte um sexuelle Belästigung zeigt zwar, dass die Macht noch zu oft in Männerhand liegt. Wenn Frauen aber dabei jemanden über soziale Netzwerke beschuldigen, erfordert das weniger Mut, als persönlich mit ihm zu streiten – wie es Schwarzer stets tat. Einem Hype zu folgen, widerspricht jedoch dem aufklärerischen Gedanken des Feminismus.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Salome Roessler

Denn dabei geht es um die Freiheit – auch die des Lebensmodells. In Schwarzers Generation galt die Entscheidung zwischen Karriere und Kind oft als unvermeidlich. Heute sind junge Frauen flexibler, die demografische Entwicklung und die Digitalisierung können ihnen bald die Verbindung von Beruf und Familie erleichtern – falls sie das wollen. Sie können auch enthaltsam leben oder damit Geld verdienen, sich auf YouTube-Videos die Nägel zu lackieren. Die Grenzen zwischen modern und rückständig werden heute anders gezogen. Aber all das befreit sie nicht von der Notwendigkeit, sich selbst zu behaupten. Die Inhalte von Schwarzers Feminismus mögen sich teilweise überholt haben. Den Mut, den sie gezeigt hat, brauchen Frauen aber weiterhin. Männer übrigens auch.

pia.rolfs@fnp.de

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