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Armes, smartes Deutschland

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Selbstverständlich ist alles Zufall. Dass mitten in den Lufthansa-Streik die Telekom-Internet-Havarie platzt, dass die eine wie die andere ein privatisiertes einstiges Staatsunternehmen ist, dass beide nicht bloß die europäischen Spitzenreiter ihrer Branchen sind, sondern sich außerdem für die Größten halten. Exakt: für die Allergrößten.

Und dann kriegt die Lufthansa es vor dem fünften Streiktag nicht hin, dass umgebuchte Passagiere online einchecken können oder wenigstens telefonisch. Das könnte an der Telekom liegen – tut es aber nicht, weil der moderne Mensch ja per Smartphone kommunizieren kann, wenn das Festnetz ausfällt. Bei der Lufthansa nimmt trotzdem keiner ab. Am Ende ist das Wochenende geschmissen, und am Montag leistet mancher zu nachtschlafender Zeit Transferdienste zum Berliner Flughafen – denn die Bahn AG, auch so ein Staats-Moloch auf, allerdings gestopptem, Privatisierungs-Trip, lässt ja gerne mal Züge ohne Ankündigung ersatzlos ausfallen. Und das alles ohne Gewähr und Garantie, dass der ebenso frustrierte wie erboste LH-Passagier auch abheben wird.

Immerhin sorgt die Telekom für den Witz des Morgens: Zehn Stunden hat sie gebraucht, um ihren abgehängten Kunden den ältesten aller Computer-Ratschläge zu geben. Einfach mal den Stecker ziehen.

Und nein: Hier ist weder Niger noch die Zentralafrikanische Republik, die in der UN-Statistik über den Entwicklungsstand von Staaten die Schlusslichter sind; hier ist Deutschland – offiziell Rang sechs von 188. Wo Anmaßung und Realität auf das Allerheftigste kollidieren. Und wo man – wenn man nur „systemrelevant“ genug ist oder sich so fühlt – seine Kunden ungestraft wie Idioten behandeln darf.

Da hätten wir – uralt, aber immer wieder hübsch – den einstigen obersten Deutsch-Banker Hilmar Kopper mit den Peanuts. Oder – ebenso aktuell wie unsäglich – Michael Müller, Vorstandsvorsitzender und mithin angeblich oberster Krisenmanager des Großtrickser-Konzerns VW, der den deutschen Autofahrern gerade pauschal „Doppelmoral“ unterstellt hat.

Bei der Telekom offerieren sie das „Smart Home“, bei VW das „Smart Car“ und bei Lufthansa ist ja angeblich sowieso alles so smart, dass als „schwarze Witwe“ einsteigende Konzernlenkerinnen während des Flugs zu supersoften Mitarbeiterversteherinnen mutieren. Aber was nützt die ganze Reklame-Show, wenn sich die angeblichen World-Player leisten, auf smarte Manager zu verzichten?

Ach ja: Smart – bedeutet nämlich nicht nur schlau, auch wenn man sich das in CEO-Etagen gerne einbildet. Man kann es genauso gut mit intelligent oder klug oder gescheit übersetzen. Und nein: Das ist ganz und gar nicht dasselbe. Und nur in sehr seltenen Fällen kommt alles zusammen. Armes Deutschland.

politik@fnp.de

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