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Kommentar: Belästigungsvorwürfe: Fatale Hexenjagd

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Harvey Weinstein 2016 in New York bei einer Film-Gala. Foto: Andrew Gombert Harvey Weinstein 2016 in New York bei einer Film-Gala.

„Sind Sie oder waren Sie jemals Mitglied der Kommunistischen Partei?“. Das war in der McCarthy-Ära in den 50er Jahren die zentrale Frage vor dem Ausschuss zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe. Ein Verdacht oder eine Denunziation konnte reichen, um eine Karriere zu beenden. Derzeit scheint sich diese Hexenjagd zu wiederholen – unter dem Vorwand, Frauen vor Belästigung zu schützen.

Schon die Behauptung, dass jemand einen anderen jemals ohne dessen ausdrückliches Einverständnis berührt hat, schlägt mittlerweile hohe Wogen – nicht nur in täglich neuen Fällen aus Hollywood. Auch der britische Verteidigungsminister Michael Fallon ist zurückgetreten, weil er 2002 seine Hand aufs Knie einer Journalistin legte. Ein Vorfall, den diese selbst nicht als gravierend eingestuft hat.

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass ein anderer Grund hinter dem Rücktritt steckt. Doch dass das Benutzen dieses Vorfalls überhaupt möglich ist, zeigt die Wucht der Lawine, die die Vorwürfe gegen den US-Produzenten Harvey Weinstein losgetreten haben. Wurde dabei zunächst noch über Vergewaltigungen gesprochen, reicht nun eine Knie-Berührung, um einen Politiker zum Täter zu machen. Das ist fatal.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Denn diese Vermengung völlig unterschiedlicher Sachverhalte schadet der notwendigen Debatte darüber, wie es die westlichen Gesellschaften wirklich mit der Gleichberechtigung halten. Und da zeigt sich eben, dass das Machtgefälle, das Belästigung erst möglich macht, weiterhin existiert. Es gibt noch viele männerdominierte Branchen, in denen Frauen aus Angst um ihre Karriere Übergriffe nicht anzeigen – nicht nur die Filmindustrie. Hier muss sich etwas ändern, mehr Frauen in Führungspositionen wären die beste Vorbeugung.

Anzügliche Bemerkungen mit Vergewaltigungen auf eine Stufe zu stellen, wie es in der überhitzten #MeToo-Debatte geschieht, ist jedoch eine Verhöhnung der tatsächlichen Gewaltopfer. Gegen körperliche Überlegenheit können Frauen sich nicht wehren, gegen unerwünschte Sprüche schon, vor allem von Gleichgestellten. In der Grauzone zwischen Flirt und Übergriff setzt jede andere Grenzen – und muss es auch.

Frauen sollten nicht die Schuld bei sich suchen, wenn sie belästigt wurden. Aber sie sind nicht nur Opfer, wenn sie danach jahrelang ohne triftigen Grund geschwiegen haben. Haben sie doch dann, ebenso wie alle mitwissenden Männer, weitere Vorfälle erst ermöglicht. Gleichberechtigung bedeutet in einer aufgeklärten Gesellschaft, dass beide Geschlechter den Mut haben, sich nicht in Täter-Opfer-Klischees pressen zu lassen und sich – gemäß Immanuel Kant – ihres eigenen Verstandes zu bedienen. Die derzeitige Hexenjagd ist davon das genaue Gegenteil.

pia.rolfs@fnp.de

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