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Kommentar: Deutsche Bank: Suche nach dem Sieger-Gen

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Christian Sewing Foto: Arne Dedert (dpa) Christian Sewing

Nach fast drei Jahrzehnten krönt Christian Sewing seine Karriere bei der Deutschen Bank: Er ist vom Lehrling zum Chef von knapp 100 000 Bankern aufgestiegen. Der 47-jährige Westfale folgt dem glücklosen Briten John Cryan auf den Schleudersitz in den Frankfurter Zwillingstürmen.

Das Eigengewächs des größten deutschen Geldhauses gilt in der Finanzszene als exzellent vernetzt und wird von den Mitarbeitern als bodenständiger Mensch geschätzt. Er weiß offenbar ganz genau, dass er den Karren nur aus dem Dreck ziehen kann, wenn die Deutschbanker ihm vertrauen, wenn sie seine Strategie nachvollziehen und mittragen können. Daher war es ein guter Schachzug, als erste Amtshandlung einen Brief an die Mitarbeiter zu schreiben. Darin wirbt Sewing zum einen um Vertrauen, kündigt aber auch harte Einschnitte an. Denn klar ist: Die Deutsche Bank hat ein riesiges Kosten- und Imageproblem. Das mag bei den Investmentbankern als Kampfansage ankommen, bei Sewings Hausmacht im Privat- und Firmenkundengeschäft dürfte man diese Töne eher mit Wohlwollen vernehmen.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Dass der inzwischen selbst umstrittene Aufsichtsratsvorsitzende Paul Achleitner mit Sewing den Verantwortlichen des klassischen Bankgeschäftes in die Führungsrolle bugsiert hat, darf durchaus als starkes Signal für eine Neuausrichtung gewertet werden. Nach dem Motto „Zurück zu den Wurzeln“ deutet sich ein weiteres Schrumpfen der höchst schwankungsanfälligen Investmentsparte an. Doch gibt sich die Deutsche Bank nicht selbst auf, wenn sie sich aus dem internationalen Kapitalmarktgeschäft, der einstigen Ertragsperle, mehr und mehr verabschiedet? Was seinen Ursprung in der Person des weltgewandten Alfred Herrhausen hatte, von Hilmar Kopper forciert und später unter einer Boni gierigen Investmenttruppe von Anshu Jain pervertiert wurde, steht zur Disposition. Doch was macht die Deutsche Bank noch einzigartig und unverzichtbar, wenn sie sich der Investmentsparte entledigen sollte?

Gemeinsam mit der Postbank-Tochter bedient die Frankfurter Großbank etwa 20 Millionen Kunden im Land. Ohne starkes internationales Geschäft schrumpft das Institut zu einer überdimensionalen Deutschen Sparkasse. Wer braucht eigentlich einen solchen Finanzdienstleister? Deutschlands Privatkunden haben große Auswahl: Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Direktbanken haben Zulauf. Im Mittelstandsgeschäft hat sich die Commerzbank eingenistet. Ob die Deutsche Bank auf diesem Spielfeld eine Zukunft hat? Wohl kaum.

Auch die deutsche Industrie hat sich nach und nach vom Bankenprimus verabschiedet. Die vielen Irrwege der zurückliegenden Jahre haben tiefe Spuren hinterlassen. Mit Johannes Teyssen (Eon) und Henning Kagermann (SAP) scheiden die beiden letzten Vertreter zur Hauptversammlung aus dem Aufsichtsrat aus.

Die Deutsche Bank steckt in einem Dilemma. Sie ist beliebig geworden. Sewing hat daher eine Herkulesaufgabe zu bewältigen: Er muss die Bank neu erfinden. Ob dazu ein schmerzhafter Umbau ausreicht oder gar eine (Teil-)Fusion mit der Commerzbank zum Erfolg führt, wird die nahe Zukunft zeigen.

Auch die Anleger rätselten gestern über die künftige Strategie. Anfängliche Kursgewinne der Bank-Aktie von fast fünf Prozent schmolzen im Handelsverlauf wieder dahin.

Was der neue Bankchef Christian Sewing nun am dringendsten braucht, kann er sich bei seinem Lieblingsclub FC Bayern München abholen: das berühmte Sieger-Gen.

michael.balk@fnp.de

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