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Kommentar: Einheit: Leistungen im Osten stärker würdigen

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Ein Kind hält eine Deutschlandflagge. Foto: Michael Reichel Ein Kind hält eine Deutschlandflagge.
Sven Weidlich Bild-Zoom Foto: Salome Roessler
Sven Weidlich

Heute begehen wir einen besonderen Tag. Die Mauer, die Deutschland in West und Ost teilte, ist genauso lang Geschichte wie sie stand. Eine Generation werde es dauern, bis die Unterschiede in den beiden Landesteilen überwunden seien, hieß es im Überschwang der Wendezeit. Und heute? Wir sehen immer noch große Unterschiede, aber auch große Leistungen in dem Bemühen, die Lebensverhältnisse in West und Ost anzugleichen. Diese Leistungen werden häufig zu wenig gewürdigt.

Es stimmt natürlich, dass der Osten bei der Wirtschaftskraft dem Westen hinterherhinkt. Auch die Einkommen sind niedriger. Viele Kommunen zwischen Rostock, Erfurt und Dresden leiden unter Finanzknappheit. Es fällt ihnen schwer, Kindergärten und Schulen instand zu halten und den öffentlichen Nahverkehr zu finanzieren. Aber das ist kein Problem, das sich auf den Osten beschränkt, dort ist es nur besonders stark ausgeprägt. Auch der Vogelsberg leidet unter Abwanderung, Leerstand und Finanzknappheit. Dagegen boomen die großen Städte, bieten Arbeitsplätze, ziehen die Menschen an – das ist in Frankfurt nicht anders als in Leipzig oder Jena. Dort blüht die Wirtschaft.

Der Blick auf die wirtschaftlichen Unterschiede ist sicherlich notwendig, verstellt aber den Blick darauf, welche gewaltigen Erfolge Ostdeutschland vollbracht hat. 40 Jahre Sozialismus kann niemand in einer Generation ungeschehen machen. Dafür waren die Einschnitte zu gravierend. Ein Zeichen dafür ist, dass kein einziges Dax-Unternehmen aus dem Osten kommt.

Aber die Fortschritte sind beträchtlich, und die Zufriedenheit über das Erreichte schlägt sich auch in Umfragen nieder. Die subjektive Lebenszufriedenheit im Osten ist laut dem Bericht zum Stand der Deutschen Einheit noch nie so hoch gewesen wie seit der Wende. Im Westen übrigens ebenfalls.

„Interessant ist, dass der Ostdeutsche mit seiner persönlichen Situation im Grunde ganz zufrieden ist, aber das Kollektiv der Ostdeutschen als benachteiligt gegenüber Westdeutschland einstuft“, sagte gestern Gert Pickel, Soziologe an der Universität Leipzig. Das Bild vom „Besser-Wessi“ sei immer noch salonfähig. Das mag einerseits darin begründet sein, dass Ostdeutsche in Spitzenpositionen deutlich unterrepräsentiert sind. Ob Unternehmenschefs, Richter oder Hochschulrektoren – die überwiegende Mehrheit von ihnen kommt aus dem Westen. Andererseits reden viele Westdeutsche über den Solidaritätszuschlag, als sei er ein Almosen für die Menschen im Osten. Auch das trägt nicht dazu bei, dass sich diese in ihrer Aufbauarbeit wertgeschätzt fühlen.

Was die finanzielle Förderung des Ostens betrifft, so muss sie weitergehen. Man sollte sie allerdings auf eine neue Grundlage stellen. Auch im Westen gibt es strukturschwache Regionen, die Hilfe benötigten. Diese muss die Bundesregierung stärker in den Blick nehmen. Eine gesamtdeutsche Förderung, das wäre wünschenswert nach diesem besonderen Jahrestag.

sven.weidlich@fnp.de Bericht auf Seite 3

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