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Kommentar zu Grünen: Endlich frischer Wind

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Annalena Baerbock und ein grüner Plüsch-Adler freuen sich über Baerbocks Wahl zur Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen. Foto: Julian Stratenschulte Foto: dpa Annalena Baerbock und ein grüner Plüsch-Adler freuen sich über Baerbocks Wahl zur Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen. Foto: Julian Stratenschulte

Die Grünen haben es endlich gewagt und präsentieren zwei frische Gesichter an der Spitze: Robert Habeck und Annalena Baerbock begeisterten mit ihren Reden den Parteitag und erzielten starke Ergebnisse. Dass Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt erst im zweiten Anlauf in den Parteirat gewählt wurde, ist ebenfalls ein Zeichen dafür, wie stark die grüne Seele nach frischen Gesichtern dürstete. Zugunsten der neuen Doppelspitze wurden sogar zwei grüne Dogmen gekippt: Galt früher die strikte Trennung von Minister- und Parteiamt, darf Habeck für eine Übergangszeit noch Umweltminister in Schleswig-Holstein bleiben. Außerdem wurde die Regel ausgesetzt, nach der die Doppelspitze unter Realos und Linken aufgeteilt sein müsse. Baerbock konnte als Reala neben dem gesetzten Habeck freilich auch deshalb unangefochten das Rennen machen, weil ihre linke Konkurrentin Anja Piel ähnlich blass zu werden drohte wie die abgetretene Parteichefin Simone Peter. Eine eiserne Regel blieb freilich unangetastet: An der Spitze müssen ein Mann und eine Frau stehen. Deshalb schicken die Grünen ihren neben Habeck populärsten und talentiertesten Politiker der mittleren Generation erst mal auf die Hinterbank: Cem Özdemir. Die bislang noch relativ unbekannte Annalena Baerbock wird alle Hände voll zu tun haben, nicht nur die Schatten-Frau an Habecks Seite zu spielen.

Für einen entsprechenden Seitenhieb in Habecks Richtung hat sie beim Parteitag viel Beifall bekommen. Aber sie wird sich bei allem Temperament rhetorisch noch steigern müssen, um auch inhaltlich als gleichberechtigte Parteichefin wahrgenommen zu werden. Habeck hat zwei Vorteile gegenüber seinen Vorgängern: Er stärkt als naturverbundener Kieler Umweltminister den grünen Markenkern und gilt dennoch als Freigeist. Ihm ist also zuzutrauen, die Grünen aus ihrem sozialen Biotop zu führen, in dem sie sich in den letzten Jahren bequem eingerichtet hatten. Es war schon auffällig, dass die Ökopartei in Umfragen bundesweit immer dann am besten abschnitt, wenn die Bundestagswahlen weit entfernt waren. Rückte der Tag der Entscheidung näher, bröckelte die Zustimmung, und es ging bergab – vor der letzten Wahl sogar in Richtung fünf Prozent. Durch viel Kampfgeist und publikumswirksame Auftritte vor allem Özdemirs konnten sich die Grünen noch ins Ziel retten.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Um, wie von Habeck angestrebt, Kurs in Richtung grüne Volkspartei und damit auf 20 Prozent zu nehmen, muss die Ökopartei aber an ihrer Kompetenz in der Finanz- und Sicherheitspolitik arbeiten. Hier präsentieren sich die Grünen – trotz allem Gerede von ihrer Verbürgerlichung – meist als klassisch links. Das schreckt auch viele derjenigen aus der Mitte ab, deren Herz für die Umwelt schlägt. Es wird spannend sein zu beobachten, ob es Habeck im Gegensatz zu Özdemir schafft, hier wirklich einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Hoffentlich erlahmen er und seine Doppelpartnerin Baerbock nicht zu schnell in ihrem Elan, weil sie glauben, zu viele Zugeständnisse an die Partei-Linke machen zu müssen.

Die Grünen sind zwar in der öffentlichen Aufarbeitung der gescheiterten Jamaika-Gespräche ganz gut weggekommen. Aber dieser Bonus wird nicht für vier Jahre tragen. Es braucht viel frischen Wind, um bei der Bundestagswahl 2021 nach dann 16 Jahren Opposition so stark zu werden, dass es für Schwarz-Grün oder Rot-Rot-Grün reicht. Mehr als neun Prozent wird es aber nur dann geben, wenn die Grünen nicht nur ihre Kernanhängerschaft bedienen. Wie man seine Wählerschaft erweitert, hat Winfried Kretschmann in Stuttgart vorgemacht. Habeck hat das Zeug, in dessen Fußstapfen zu treten.

dieter.sattler@fnp.de Berichte Seite 1 und 3

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