E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 30°C

Kommentar: Europa: Macht mal langsam

Von Man muss kein Europa-Skeptiker sein, um die neuen Erweiterungsprognosen der EU-Kommission eher skeptisch zu sehen.
Dieter Sattler Bild-Zoom Foto: (FNP)
Dieter Sattler

Es ist zwar ein legitimes Anliegen, Russlands zunehmenden Einfluss auf dem Westbalkan zurückzudrängen, dennoch wäre eine weitere Erweiterung nicht schlau. Wenn auf Sicht sechs neue Balkanländer dazukämen, könnte sich die EU übernehmen. Sie wäre damit auf 33 Staaten aufgebläht. Von einer Wirtschafts- und Wertegemeinschaft könnte man dann kaum noch reden. Politische Integration und geografische Ausdehnung gehen nicht ohne weiteres zusammen.

In dieser Hinsicht ist die Geschichte der EU nicht jene Erfolgsstory, als die sie sich in anderen Bereichen natürlich erzählen lässt. Schon allzu oft wurde zusammengeführt, was (noch) nicht zusammengehörte. Sogar Länder wie Polen, Ungarn und Tschechien, die vor dem Zweiten Weltkrieg und ihrem anschließenden Verschwinden hinter dem Eisernen Vorhang eine gewisse bürgerliche Tradition entwickelt hatten, fremdeln mit den Werten und Prinzipien der EU. Aber sie prosperieren zumindest wirtschaftlich. Was man von Rumänien und Bulgarien leider nicht sagen kann. Sie waren 2007 weder wirtschaftlich noch rechtsstaatlich beitrittsreif. Doch ähnlich wie bei den fiskalpolitischen schwierigen Beitritten von Italien und Griechenland zur Eurozone neigt man in Brüssel aus Europa-Euphorie aber auch aus dem profanen Interesse an Macht- und Stellenzuwachs dazu, alle Augen und Hühneraugen zuzudrücken, wenn es um das Thema Erweiterung geht. Auch deshalb stehen sich jetzt in der Europolitik Nord und Süd sowie in der Flüchtlingspolitik West und Ost als fast unversöhnliche Lager gegenüber.

Diese Probleme sind die Folge eines automatisierten und unreflektierten Wachstumsprozesses nach der Devise des ersten EU-Chefs Walter Hallstein: „Europa ist wie ein Fahrrad – wenn es stillsteht, fällt es um.“ Aber das Weiterfahren um jeden Preis hat Europa viel Akzeptanz bei den jeweiligen Staatsbürgern gekostet. Angesichts der aktuellen Probleme muss man sagen: Weniger wäre mehr gewesen.

Nicht zufällig spricht man jetzt in einigen Zukunftsszenarien davon, dass Europa nur dann noch vorankommen kann, wenn es zweigleisig mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten weiterfährt. In dem einen Zug säße Kerneuropa und hätte Paris und Berlin als Motor. Im Bummelzug daneben wären viele der neu Hinzugekommenen. Ideal ist das nicht. Aber die Art und Weise, mit der der Erweiterungsprozess in den letzten 15 Jahren vonstatten ging, hat neben der EU vor allem eines wachsen lassen: die Europaskepsis.

dieter.sattler@fnp.de Bericht auf dieser Seite

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen