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Kommentar: Helmut Kohl: Seine Lebensleistung überragt die Fehler

Von Kohls Fehlverhalten, man denke etwa an die Spendenaffäre, verblasst im Angesicht seiner herausragenden Lebensleistung. Ein Kommentar von Gerhard Kneier.
<span></span> Foto: Firmenbild (www.Boehmedia.de)

Helmut Kohl wurde gerne unterschätzt. Franz-Josef Strauß nannte den Mann aus Oggersheim einst „total unfähig“ und sagte seinem Rivalen an der Spitze der Unionsparteien voraus, er werde nie Kanzler werden. Für Kabarettisten bot der als „Birne“ oder „schwarzer Riese“ verspottete Politiker mit seinem Pfälzer Dialekt, der Vorliebe für Saumagen und der behäbigen Art ein höchst dankbares Betätigungsfeld. In der Tat war Kohl alles andere als ein Visionär oder glänzender Redner, nicht alert und auch nicht unbedingt der geborene Repräsentant eines Staates.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)
Und dennoch hat er es allen gezeigt und sich schon lange vor seinem Tod gestern in Ludwigshafen den erhofften Platz in den Geschichtsbüchern gesichert – als Kanzler der Einheit und als großer Europäer. Strauß zum Trotz wurde er der Bundeskanzler mit der bislang längsten Regierungszeit von 16 Jahren. Die hätte er wohl kaum allein durch das ihm oft vorgeworfene Aussitzen von Problemen erreicht. Nicht gerade unbedeutende Herausforderer wie Hans-Jochen Vogel, Johannes Rau, Oskar Lafontaine und Rudolf Scharping: Keiner hatte bei Bundestagswahlen eine Chance gegen Kohl. Dass er 1998 dann doch gegen Gerhard Schröder verlor, ist im Rückblick dem tragischen Umstand geschuldet, dass der „ewige Kanzler“ am Ende den richtigen Zeitpunkt zum Absprung verpasste. Noch viel tragischer war kurz darauf das Zerwürfnis Kohls mit seiner Partei bei der Spendenaffäre. Dabei wurden ihm vor allem seine Unbekümmertheit, letztlich aber auch Sturheit zum Verhängnis.
Der Kanzler der deutschen Einheit: Helmut Kohl winkt am 3. Oktober 1990 von der Freitreppe des Reichstagsgebäudes in Berlin. Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (von links), Hannelore Kohl und Bundespräsident Richard von Weizsäcker umrahmen ihn.
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Doch dieses Fehlverhalten, das ja nicht das einzige in Kohls politischer Laufbahn war, verblasst gegenüber seiner herausragenden Lebensleistung. Vieles von dem, was er als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident auf den Weg brachte, hat bis heute Bestand. Als CDU-Vorsitzender hat Kohl Parteireformen eingeleitet, von denen auch Angela Merkel noch profitiert. Als Oppositionsführer im Bundestag hat er Maßstäbe gesetzt. Und vor allem als Kanzler hat Kohl im entscheidenden Moment der Historie instinktsicher gehandelt und die Wiedervereinigung erreicht, an die auch viele seiner Parteifreunde nicht mehr geglaubt hatten. Seine große Geste mit dem französischen Sozialisten François Mitterrand an den Gräbern von Verdun bleibt als Symbol einer auf Aussöhnung und neue Freundschaft der beiden Nachbarländer in Europa gerichteten Politik.

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Natürlich war Kohl auch ein sehr machtbewusster Mensch, der arg nachtragend sein konnte, wenn er sich verraten fühlte. Heiner Geißler, Rita Süssmuth und, wenn er noch lebte, auch Lothar Späth könnten ein Lied davon singen. Aber allein mit Bescheidenheit lässt sich kaum ein Platz in der Historie erreichen. Der aber steht Kohl zu, darüber sind sich politische Weggefährten und Gegner in den Nachrufen zu recht einig.

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