Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Kommentar zum Massaker von Las Vegas: Hoher Preis für eine vermeintliche Freiheit

Von
Ein Todesschütze hat bei einem Musikfestival in der US-Touristenmetropole Las Vegas mindestens 50 Menschen umgebracht und mehr als 200 verletzt. Es folgen weitere Bilder. Foto: John Locher (AP) Ein Todesschütze hat bei einem Musikfestival in der US-Touristenmetropole Las Vegas mindestens 50 Menschen umgebracht und mehr als 200 verletzt. Es folgen weitere Bilder.

Routiniert hatte der sogenannte Islamische Staat das Massaker von Las Vegas sogleich für sich beansprucht. Aber in diesem Falle hat wohl ein Journalisten-Kollege recht, der schrieb: „Amerika tötet sich selbst.“ In den USA sind so viele Schusswaffen in Privatbesitz (es sollen rund 300 Millionen sein), dass es immer wieder zu Gewalttaten und Amokläufen kommt. Der Massenmord von Las Vegas war schrecklicher Höhepunkt einer ganzen Kette von ähnlichen Tragödien. Dafür stehen etwa die Orte Orlando, Aurora und Newtown.

So natürlich es auch ist zu fragen, was einen wohlhabenden und gutsituierten, bisher unbescholtenen Bürger zu der jüngsten Wahnsinnstat motivierte, darf man eben auch nicht ausblenden, dass Amokläufe und Schießereien in den Vereinigten Staaten leider fast zum Alltag gehören: 2016 gab es 383 Vorfälle, bei denen mindestens vier Personen verletzt oder getötet wurden. In Las Vegas ereignete sich am 273. Tag diesen Jahres bereits die 272. Massenschießerei. Ebenfalls am Montag hatte es im US-Bundesstaat Kansas drei Tote nach Schüssen gegeben – ein Ereignis, das wegen Las Vegas nur in den wenigsten Nachrichtensendungen und -spalten erwähnt wurde.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Das Ritual, das solchen Taten folgt, ist stets das gleiche: Der Anteilnahme und der Trauer folgt die Diskussion um schärfere Waffengesetze, die dann leider immer damit endet, dass sich nichts ändert. Barack Obama kämpfte verzweifelt aber vergeblich gegen den Einfluss der mächtigen Waffenhersteller-Vereinigung National Rifle Association (NRA), deren Lobbyisten im Kongress ein- und ausgehen. Vom aktuellen Präsidenten Donald Trump ist auf diesem Gebiet rein gar nichts zu erwarten. Für ihn und seinesgleichen von der Bewegung „America First“ gehört das Recht auf Waffenbesitz zu den unverbrüchlichen Grundrechten. Aus dieser Ecke werden die häufigen Amokläufe sogar als Argument für privaten Waffenbesitz als eine Art Jedermannsrecht herangezogen: Denn „der einzige Weg, einen bösen Mann mit einer Waffe zu stoppen“, heißt es, sei „ein guter Kerl mit einer Waffe“.

Dabei wird komplett ausgeblendet, dass dieser Spruch und auch der Zweite Verfassungszusatz, auf den sich die Waffenfreunde berufen, aus einer anderen Zeit stammt: Als es nämlich noch keine Schnellfeuergewehre gab, mit denen Hunderte Menschen niedergemäht werden können, bis irgendwann vielleicht mal ein „Guter“ dazu kommt, seine Waffe zu ziehen. Die bessere Selbstverteidigung und der beste Schutz für Menschenleben wäre eine Reduzierung des Waffenbesitzes. Zwar wird jede einzelne Bluttat von einem Menschen begangen, der schuldig und dafür verantwortlich ist, aber dass es so viele Amokläufe in den USA gibt, deutet eben auch auf ein strukturelles Problem im Land der Freiheit hin.

Nach Philosophen wie Thomas Hobbes und John Locke liegt der Staatsgründung ein fiktiver Pakt zugrunde, von dem die meisten anderen Demokratien sich leiten lassen: Demnach geben alle Bürger ein Stück ihrer Freiheit preis (das Recht auf Selbstverteidigung) und erteilen dem Staat den Auftrag, für ihren Schutz zu sorgen. Das unterscheidet Freiheit in Sicherheit von der Anarchie, wo jeder jederzeit jeden töten kann.

Mit ihrem fetischisierten Recht auf Selbstverteidigung tanzen die USA aus der Reihe der anderen Demokratien und zahlen einen hohen Preis dafür. Jedes Opfer ist eine Anklage gegen die Übermacht der Waffenhersteller und ihrer Vasallen in Washington.

dieter.sattler@fnp.de

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse