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Kommentar: Jamaika: Die Misstrauensdividende

Wird „Jamaika” wirklich Realität? Luftballons in den Farben von Union, FDP und Grünen vor der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin. Foto: Michael Kappeler Wird „Jamaika” wirklich Realität? Luftballons in den Farben von Union, FDP und Grünen vor der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin.

Ja, zugegeben, fühlt sich nicht gut an. Kennen alle, hat man auch selbst schon erlebt. Es steht eine Aufgabe, heutzutage heißt derlei ja stur „Projekt“ – und dann kommt der Boss und stellt das Projekt-Team zusammen. Und immer und jedes Mal und definitiv hat man es dann auf Wochen und Monate mit Menschen zu tun, die man nur erträgt, weil man muss. Die man im Leben nicht auf nur ein einziges Feierabendbier einladen würde. Weil man ihnen exakt so weit traut, wie man einen Konzertflügel werfen kann. Nützt aber nichts. Man muss irgendwie auch mit denen klarkommen. Am Ende nämlich muss das Team, das gar keines ist, sondern bloß eine Zwangsgemeinschaft, liefern. Falls nicht – senkt der Boss den Daumen.

Und das möchte man sich mal leisten: Dem Boss stur und über Wochen vorzujammern, man kriege das mit dem Vertrauen einfach nicht hin. Weshalb das Projekt, leider, leider, einfach nicht vorankommen könne, genau genommen eigentlich unmöglich sei. Weil die anderen leider so irrsinnig viel anders tickten als man selbst, was man, zugegeben, auch vorher gewusst, aber insofern nicht ernst genommen habe, als man auf die eigene Sturheit gesetzt und sich ausgerechnet habe, die anderen würden einem schon da unterlegen sein. Was sich nun, leider, leider erneut, als Irrtum...

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Ja, im wirklichen, ganz normalen Arbeitsleben hätte man spätestens da die Kündigung. Fristlos. Im wirklichen, ganz normalen Politikbetrieb aber hat der Boss nach Projektvergabe diese Möglichkeit nur sehr begrenzt. Wenn er da den Auftrag erst wem – oder eben einigen – anvertraut hat, muss er am Anfang ziemlich viel hinnehmen und am Ende das Wenige, was er kriegt.

Im konkreten Fall – dem Auftrag an CDU, CSU, FDP und Grüne, eine Koalition samt Bundesregierung zu bilden –, kann das gut und gern auch nichts sein. Das Schlimme ist: Der Boss – also das Wahlvolk – wird es vielleicht erst wissen, wenn die vier ihr Projekt Jamaika nach unendlich unwilliger, uninspirierter und unambitionierter Planung irgendwie tatsächlich in Produktion gehen lassen.

Was dabei herauskommen kann? Vertrauen eher nicht. Nicht einmal das Zutrauen, von den diversen Projektmanagern wenigstens reell informiert worden zu sein, was geht und was nicht und warum. Wer erst „Obergrenze“ über ein Faktum schreibt, dann „Richtwert“ und es schließlich zum „atmenden Rahmen“ umtauft – und immer geht es um dieselbe Zahl und dieselbe begrenzende Wirkung, deren konkrete Stärke indes allenfalls umrissen wird: Wer sich so auf ein Lavieren verlegt, das vom Tricksen kaum ein Millimeterchen entfernt ist, der handelt sich jede Menge Misstrauen ein.

Dass das Volk seiner künftigen Regierung misstraut, noch ehe irgendein Minister irgendeine Hand gerührt hat, dass dieses Misstrauen jede vorhandene Wertschätzung für Politik und Politiker zersetzen wird – das immerhin haben sie geschafft mit all ihren Spreizereien vor und hinter den Sondierungskulissen. Wenn das nicht so jämmerlich wäre und so riskant – man wollte lachen.

politik@fnp.de

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