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Kommentar: Air Berlin - Verbraucher zahlen hohen Preis

Von Für den Homo oeconomicus gibt’s kein Vertun: Er hält den Verkauf von Air Berlin für ein abgekartetes Spiel zwischen der Bundesregierung, der Lufthansa, Air Berlin und dessen Großaktionär Etihad.
Foto: Wolfgang Kumm

Hand aufs Herz: Gehören Sie zu den kühlen Rechnern, die vor allem den eigenen finanziellen Vorteil im Blick haben – oder zählen Sie sich zu den sozialverträglichen, empathischen Menschen, denen auch das Wohlergehen von Mitbürgern wichtig ist, die Sie gar nicht kennen? Je nachdem, wie Sie diese Frage beantworten, werden Sie den Verkauf weiter Teile der insolventen Air Berlin an Lufthansa in Bausch und Bogen verdammen oder mit einigem Bauchgrummeln begrüßen.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Für den Homo oeconomicus gibt’s kein Vertun: Er hält diesen Verkauf für ein abgekartetes Spiel zwischen der Bundesregierung, der Lufthansa, Air Berlin und dessen Großaktionär Etihad. Ein Spiel, an dessen Ende die Lufthansa zumindest im innerdeutschen Flugverkehr quasi zum Monopolisten aufsteigen kann, während der Verbraucher auf der Strecke bleiben wird –, weil Unternehmen, die ein Angebotsmonopol genießen, es sich nun mal nie nehmen lassen, daraus Kapital zu schlagen. In diesem Fall in Form höherer Ticketpreise. Daran werden auch die anderen beiden Monopolisten im deutschen Fernverkehr – die Deutsche Bahn auf der Schiene und Flixbus auf der Straße – zunächst nicht viel ändern können. Auf Strecken, die Air Berlin bereits einstellen musste und von der Lufthansa übernommen wurden, sind die Preise schon gestiegen. Und da der Verkauf nun in trockenen Tüchern ist, macht selbst Lufthansa-Chef Carsten Spohr keinen großen Hehl mehr daraus.

Tatsächlich sprechen alle Indizien dafür, dass der gestern verkündete Deal von langer Hand vorbereitet war – der Hand des gewieften Carsten Spohr: der plötzliche Schulterschluss mit dem frustrierten Air-Berlin-Großaktionär und langjährigen Erzfeind Etihad; die darauf folgende Übernahme von 38 Air-Berlin-Fliegern; die Ernennung des früheren Eurowings-Managers Thomas Winkelmann zum Air-Berlin-Chef; sowie die mitten im Sommer und nur wenige Wochen vor der Bundestagswahl unvermittelte Insolvenz von Air Berlin, nach deren Bekanntgabe nur wenige Minuten später Lufthansa und Bundesregierung die schnelle „Rettung“ der zweitgrößten deutschen Airline durch den deutschen Branchenprimus in Aussicht stellten. Und das obwohl Etihad keine vier Monate zuvor noch eine langfristige Finanzierungszusage für die hochdefizitäre Tochter gegeben hatte.

Da muss man wahrlich keinen Hang zu Verschwörungstheorien haben, um zu erkennen: Insolvenz und Verkauf folgten im Großen und Ganzen einer Inszenierung, in der die Bundesregierung von der Lufthansa überrumpelt worden ist: Getrieben von der Angst, im Bundestagswahlkampf mit Bildern von gestrandeten Air-Berlin-Passagieren und demonstrierenden Air-Berlinern konfrontiert zu werden – und gelockt vom Versprechen der Lufthanseaten, einen Großteil der Jobs zu retten, ließ sie sich auf den Deal ein. Das vermeintliche Bieterverfahren ist denn auch eine reine Farce gewesen, um die Wettbewerbsbehörden zufriedenzustellen. Dass diese den Höhenflug des Kranichs in Form schwerer Auflagen merklich abbremsen werden, ist nicht zu erwarten.

Von den vollmundigen Versprechen der Lufthansa und ihres Air Berliner Majordomus Winkelmann scheint indes nicht viel übrig geblieben zu sein: Nur die insgesamt 1450 Beschäftigten der nun übernommenen Air-Berlin-Töchter Niki und der Regionalfluggesellschaft LWG werden in Form eines Betriebsübergangs übernommen, so dass sie Bestandsschutz genießen. Die anderen Flugbegleiter und Piloten der von Lufthansa übernommenen Air-Berlin-Maschinen müssen sich dagegen auf ausgeschriebene Stellen bei Eurowings bewerben. Wer angenommen wird, muss sich mit einem Vertrag der „Eurowings Europe“ in Wien begnügen. Deren Gehälter liegen 15 bis 20 Prozent unter denen der deutschen Eurowings, die schon deutlich schlechter zahlt als die Lufthansa und auch Air Berlin. Tausende andere in Kabine und Cockpit sind derzeit ohne Perspektive. Ein Kahlschlag ist unterdessen in der Technik-Sparte und der Verwaltung zu befürchten, die zusammen 1400 Beschäftigte zählen. Ob eine Transfergesellschaft zustande kommt, ist noch unklar. So sieht also die „bestmögliche Lösung“ aus, die Winkelmann in Aussicht gestellt hatte.

Natürlich kann sich der empathische Beobachter nun damit trösten, dass dank dieses abgekarteten Spiels nicht eine Fluggesellschaft wie Ryanair zum Zuge gekommen ist, bei der soziale Absicherung ein Fremdwort ist und viele Piloten als Scheinselbstständige mit Knebelverträgen beschäftigt sind. Aber angesichts der beträchtlichen sozialen Härte, die auch dieses Spiel nun erzeugt, ist der Preis eines Monopols sehr hoch.

panagiotis.koutoumanos@fnp.de Bericht auf Seite 5

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