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Angst-Studie: Kommentar: An Unsicherheiten gewöhnt

"Gerade beim Terror ist es sinnlos, ihm ausweichen zu wollen", sagt unsere Kommentarschreiberin Pia Rolfs.
Zahlreiche Menschen haben sich auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona versammelt, an der Blumen und Kerzen niedergelegt werden. Foto: Matthias Balk (dpa) Zahlreiche Menschen haben sich auf der Flaniermeile Las Ramblas in Barcelona versammelt, an der Blumen und Kerzen niedergelegt werden.

„Ich hatte mein ganzes Leben viele Probleme und Sorgen. Die meisten von ihnen sind aber niemals eingetreten“, sagte einst US-Schriftsteller Mark Twain. Auch wenn er damals wohl andere Sorgen hatte als Terror, Extremismus und Fipronil-Skandal, scheinen immer mehr Hessen ähnlich pragmatisch zu denken. Ihre Angst hat im Vergleich zum Vorjahr besonders deutlich abgenommen. Und das ist auch gut so.

Denn natürlich dürfen Risiken nicht in blinder Sorglosigkeit ignoriert werden, muss die Politik solche Probleme dringend angehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Einzelnen treffen, ist aber doch wesentlich geringer als die eines Unfalls – und es scheint uns nur sicherer zu sein, ins Auto oder aufs Fahrrad zu steigen, weil wir die alltägliche Gefahr nicht mehr als solche wahrnehmen.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Salome Roessler

Zudem ist es gerade beim Terror sinnlos, ihm ausweichen zu wollen. So galt etwa Finnland bis zum 18. August als eines der sichersten Reiseländer überhaupt – dann kam der Anschlag in Turku. Angst soll dazu dienen, lebensgefährliche Situationen zu vermeiden. Wenn der Terror aber jeden überall treffen kann, ergibt es keinen Sinn, davor Angst zu haben.

Zudem ist im Zeitalter der Fake News und der Hysterie in sozialen Medien wohl vielen Menschen klar geworden, dass das Schüren von Ängsten oft einem politischen Zweck dient. „Populismus ist ein Brandbeschleuniger der Angst“, sagte Ex-Bundespräsident Joachim Gauck. Nicht nur US-Präsident Donald Trump nutzt dieses Mittel, um angebliche Schutzmaßnahmen durchzusetzen. Auch im deutschen Wahlkampf werden berechtigte Sorgen, etwa um die Sicherheit, erst verstärkt – um dann Scheinlösungen zu versprechen.

Dass die Hessen andere Ängste zu haben scheinen als andere Bundesbürger, hat mit der hiesigen Bevölkerungsstruktur zu tun. So ist etwa im internationalen Finanzplatz Frankfurt das friedliche Zusammenleben der Kulturen erprobt. Das verringert sicherlich die Furcht vor den Problemen, die durch den Zuzug von Flüchtlingen entstehen können. Wohlhabenden Sparern oder Bankern jedoch macht die Schuldenkrise wohl mehr Angst als dem Bundesdurchschnitt. Pflegebedürftigkeit ist für Großstadt-Singles oder Zugezogene mit weit entfernten Verwandten eher ein Schreckensszenario als in der Großfamilie auf dem Land.

Vielleicht haben wir uns inzwischen auch einfach ein wenig mehr an die neuen Unsicherheiten der Welt gewöhnt. Die Rente ist nicht mehr sicher, die Furcht vor einer Überforderung im Job oder dem sozialen Abstieg hat oft reale Hintergründe. So mag zwar die Wirtschaft derzeit boomen, bald jedoch können die Jobs ganzer Branchen der Digitalisierung zum Opfer fallen. Dazu kommen noch die ständigen Lebensrisiken wie Krankheit, Trennung, der Verlust von Angehörigen. Wer sich vor all dem ängstigen wollte, könnte sein Leben nicht mehr genießen. Gewappnet wäre er aber trotzdem nicht. Denn meistens kommt das Unglück von einer ganz anderen Seite als gedacht. Und wir können für die Zeit danach nur Kraft aus glücklichen Tagen holen, in denen wir uns möglichst wenig sinnlos geängstigt haben.

pia.rolfs@fnp.de Bericht Seite3

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