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Kommentar: Anschlag - Verstörend

Dieser ungeheuerliche Fall klingt wie ein Krimi à la John le Carré. Nur: Einmal wieder übertrifft die Realität die kühnste Fiktion.
Einsatzkräfte in Schutzanzügen an der Bank, auf der der frühere Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden wurden. Foto: Andrew Matthews/PA Wire Einsatzkräfte in Schutzanzügen an der Bank, auf der der frühere Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden wurden.

Dieser ungeheuerliche Fall klingt wie ein Krimi à la John le Carré. Nur: Einmal wieder übertrifft die Realität die kühnste Fiktion. Auf britischem Boden werden ein ehemaliger russischer Doppelagent und seine Tochter Opfer eines Nervengas-Anschlags. Ein Polizist wird ebenfalls verletzt und die Bevölkerung durch den Einsatz einer verbotenen chemischen Waffe einem immensen Risiko ausgesetzt. Allein dieser Umstand verstört. Er muss verstören und das noch mehr, seit die britische Regierung es für „sehr wahrscheinlich“ hält, dass Russland hinter dem Attentat steckt. Es ist damit auch ein Anschlag auf das Königreich.

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Zwischen Großbritannien und Russland bahnt sich eine schwere diplomatische Krise an. Dabei war das Verhältnis beider Länder ohnehin bereits angespannt, das Vertrauen zerstört. Nun nähern sich die Beziehungen einem Tiefpunkt, denn schon jetzt kommen aus Moskau statt Aufklärung und versöhnlicher Töne weitere Provokationen und Spott.

Die Briten richten derzeit ungewöhnlich scharfe Worte in Richtung Moskau. Das zeigt, dass sich die Behörden über die Verwicklung Russlands beinahe sicher sind. Die Tatsache, dass es sich um ein sehr seltenes Nervengas-Gemisch handelt, das zudem in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt wurde, hilft beim Puzzle-Zusammensetzen. Mit einer solchen ungewöhnlichen Substanz zu hantieren, erfordert eine beträchtliche Infrastruktur, die den Kreis der Verdächtigen für die Ermittler schnell verkleinert hat.

Sollte sich endgültig bestätigen, dass Moskau etwas mit dem Attentat zu tun hat oder aber sollte Russland mit Provokationen auf das Ultimatum antworten, muss das Konsequenzen haben, die weit darüber hinausreichen, Diplomaten des Landes zu verweisen oder das Vermögen einiger weniger einzufrieren. Das passierte nach dem Mord am Ex-Agenten und Putin-Kritiker Alexander Litwinenko, nachdem eine britische Jury zu dem Ergebnis kam, der Kreml habe „wahrscheinlich“ das Attentat – Litwinenko wurde beim Nachmittagstee in einem Londoner Hotel mit Polonium vergiftet – angeordnet. Die Sanktionen damals haben die Beziehungen zwischen beiden Ländern zwar gestört. Doch die Tatsache, dass die Insel zwölf Jahre später abermals über einen Anschlag auf einen Ex-Spion rätselt, zeigt, dass die Maßnahmen nicht nachhaltig funktioniert haben.

Was Russland weitaus härter treffen würde, wären wirtschaftliche Sanktionen. Sie umzusetzen erfordert aber politischen Willen, den die Volksvertreter in Westminster zwar gerade verbal äußern. Ob wirkliche Taten folgen werden, ist noch zweifelhaft. In Großbritannien haben russische Oligarchen, Investoren und Geschäftsleute in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine unverwischbare Spur hinterlassen. Das Königreich hat finanziell enorm profitiert. Das tut es noch immer. Die Politik hielt sich deshalb zumeist heraus, wenn Kritik laut wurde.

Das ist umso bemerkenswerter, weil es ein offenes Geheimnis ist, dass nicht nur gesetzestreue Russen, sondern auch schmutziges Geld und zwielichtige Gestalten ins Land strömten. Nun muss Theresa May mit allen ihr zur Möglichkeit stehenden Sanktionen reagieren. Und der britischen Regierung stehen zahlreiche Druckmittel zur Verfügung. Die Frage ist, ob der Mut groß genug ist, sie auszuschöpfen

 

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