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Kommentar: Bemerkenswerte Leidenschaft

Die Orte und die Worte können kaum groß genug sein, die Emmanuel Macron gerne wählt, um seine Ambitionen darzulegen – auch seine europapolitischen.
Foto: Ludovic Marin

Die Orte und die Worte können kaum groß genug sein, die Emmanuel Macron gerne wählt, um seine Ambitionen darzulegen – auch seine europapolitischen. Im Januar hielt er als euphorischer Wahlkämpfer an der Berliner Humboldt-Universität eine Art „Ruck-Rede“ für Europa; am Fuß der Akropolis beschwor der französische Präsident Anfang September die Ideale der europäischen Demokratie; gestern folgten vor Studenten im Amphitheater der Pariser Sorbonne etwas konkretere Vorschläge für die mittelfristige Zukunft.

Dabei klingt sein Versprechen einer „Neugründung“ zunächst trügerisch: Diese EU muss nicht neu erfunden werden, sie existiert ja längst mit all ihren Fehlern, aber eben auch ihren Chancen – auch wenn letztere zu selbstverständlich scheinen.

<span></span> Bild-Zoom Foto: Andreas Licht

Genau dagegen wollte Macron angehen – mit einem bemerkenswert leidenschaftlichen Plädoyer, das beinhaltete, was man in Brüssel sonst oft vermisst: Zuversicht, Vorstellungskraft, Mut. Mehr Zusammenarbeit in allen Bereichen von der Sicherheits- und Verteidigungspolitik über die Terrorabwehr bis zu Steuerfragen forderte der 39-jährige Präsident und schlug Initiativen vor: Alle jungen Europäer sollen mindestens sechs Monate in einem anderen europäischen Land verbringen; transnationale Listen für die Europawahlen können ein Bewusstsein für die länderübergreifende Zusammenarbeit der Parteien schaffen. Mit einer umfangreichen Debatte will Macron den Bürgern wieder Lust auf Europa machen.

Viele der genannten Initiativen mögen nicht neu und schon auf dem Weg sein, andere umstritten und wohl kaum in einem Schritt durchsetzbar – nicht zuletzt gilt das für Macrons Vorschlag einer Vertiefung der Eurozone, die in weiten Teilen Deutschlands auf Ablehnung stößt. Aber er lässt einen klaren Willen für mehr Kooperation und Abstimmung erkennen, der in diesen Zeiten nicht selbstverständlich ist.

Der Zeitpunkt von Macrons Rede zwei Tage nach der Bundestagswahl konnte verwundern – aber er war bewusst gewählt, eben um die Gespräche zu beeinflussen. Als Gegenleistung für ein Entgegenkommen Deutschlands bei einer Vertiefung der Eurozone verspricht der Präsident ein ehrgeiziges Reformprogramm für Frankreich und massive Sparanstrengungen, um als glaubwürdiger Partner dazustehen, aber auch Unterstützung bei der Flüchtlingspolitik. Prinzipiell kann er davon ausgehen, dass allen potenziellen Regierungsparteien an einem guten Verhältnis zum französischen Nachbarn gelegen ist; auch wenn in Paris zurzeit vor einem unflexiblen möglichen Koalitionspartner FDP gewarnt wird. Deshalb hat Macron nun vorgelegt. Forsches Voranpreschen gehört zu seiner Vorgehensweise. Bisher hatte er damit stets Erfolg. Dem pragmatisch-überzeugten Europäer, als der er sich gestern erwiesen hat, ist dieser auch jetzt zu wünschen.

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