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Kommentar: Der Terror und das moralische Dilemma

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<span></span> Foto: (FNP)

Demokratien funktionieren weitgehend nach dem Prinzip des Utilitarismus, dem größtmöglichen Nutzen der größtmöglichen Zahl. Dieses Prinzip wird aber in Deutschland begrenzt durch die Menschenwürde, die in Artikel des Grundgesetzes garantiert ist und das Individuum vor Übergriffen des Kollektivs schützt. Wenn nämlich die Kosten-Nutzen-Rechnung des Utilitarismus unbegrenzt gelten würde, könnte man sonst ein gesundes Individuum opfern, um drei todkranke Menschen zu heilen, von denen einer ein neues Herz, der andere eine Niere und der dritte eine Leber benötigte. Das wäre natürlich unethisch und ist zu Recht verboten. Aber darf man denn Hunderte Menschen opfern, um viele Tausende zu retten?

Mit dieser moralischen Frage beschäftigt sich Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“, das jetzt die ARD zeigte. Angeklagt ist darin ein Kampfpilot, der eigenmächtig eine von Terroristen gekaperte Maschine abgeschossen hat, die auf ein volles Fußballstadion zuraste. Inspiriert wurde das brisante Stück natürlich von den Ereignissen des 11. September 2001. Als Reaktion auf die Terrorangriffe in New York verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das den Abschuss eines Flugzeuges in vergleichbaren Fällen erlaubte, um noch Schlimmeres zu verhindern. Das Gesetz wurde aber vom Bundesverfassungsgericht kassiert.

Gegen die Fernseh-Inszenierung des Theaterstückes hatte es Proteste von einer Initiative um Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) gegeben. Die Kritiker störten sich nicht an der behandelten ethischen Schicksalsfrage, die man rechtsphilosophisch eine Güterabwägung nennt, sondern daran, dass die Zuschauer darüber entscheiden können, ob der Angeklagte schuldig oder nicht schuldig ist. Baum & Co. meinen, es führe zu weit, wenn man ähnlich wie bei der Folterdiskussion um den damaligen Frankfurter Polizeivizechef Daschner die Geltung der Menschenwürde zur Abstimmung und damit zur Disposition stelle.

Ich finde, dass es mutig aber richtig war, das Theaterstück mitsamt der Abstimmungsmöglichkeit im TV auszustrahlen. Es dürfte bei den meisten eine gewisse Beklemmung hinterlassen haben. Nur die wenigsten Zuschauer werden ein richtig gutes Gefühl mit ihrer Entscheidung haben, ob sie nun als Schöffe für „schuldig“ oder „nicht schuldig“ plädierten. Aber letztlich bewegen sie sich hier auf einer Problemhöhe, auf der idealerweise auch Wahlentscheidungen getroffen werden sollten. Schließlich bestimmt man über die Partei, die man ankreuzt, auch ein bisschen über die Richtung mit, die bei den großen Themen der Zeit eingeschlagen werden soll, etwa in der Umweltpolitik oder bei der Frage nach Krieg und Frieden.

Bei der Bundestagswahl 2002 etwa war CDU-Chefin Merkel für den Irak-Krieg, SPD-Kanzler Schröder dagegen. Die Antwort, die sich viele auf die Frage gaben, trug zu Schröders Wahlsieg bei, auch wenn Stoiber als damaliger Spitzenkandidat der Union anders als Merkel eher eine Wischi-waschi-Position vertrat. Es ist gut, dass das Fernsehen, das uns Zuschauer oft unter unser mögliches Niveau drückt, in dieser Sendung dem mündigen Bürger eine Chance gab.

dieter.sattler@fnp.de

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