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Kommentar: Der Wähler als Unbekannte

Von Man kann sich die Katastrophe natürlich auch ein bisschen weniger katastrophal reden. Indem man die Gründe, die SPD in NRW abzuwählen, einfach zur „Fehleinschätzung des Bürgers“ erklärt.
Hannelore Kraft (SPD) und Armin Laschet (CDU). Foto: Marius Becker/ Hannelore Kraft (SPD) und Armin Laschet (CDU). Foto: Marius Becker/

Man kann sich die Katastrophe natürlich auch ein bisschen weniger katastrophal reden. Indem man die Gründe, die SPD in NRW abzuwählen, einfach zur „Fehleinschätzung des Bürgers“ erklärt. Wir verraten nicht, wer’s war; der Mann stand hörbar noch unter Schock. Politiker, die bei Sinnen sind, beschimpfen die Wähler nicht. Jedenfalls nicht vor offenen Mikrofonen und laufenden Kameras. Allenfalls begiften sie die Konkurrenz – wie die Spitzen-Genossinnen Katarina Barley und Manuela Schwesig, die sich noch Sonntagabend empörten über einen „Wutbürger-Wahlkampf“ der CDU.

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Falls jeder, der sich ärgert über täglichen Stau, marode Schulen mit zu wenigen Lehrern, ein wachsendes Gefühl von Unsicherheit, ein Wutbürger ist… Liebe SPD, lieber Martin Schulz: Dann bekommt ihr es am 24. September mit gut 61 Millionen Wutbürgern zu tun. Viel Spaß! Ein Witz ist das. Ein schlechter. Geäußert im Affekt. Geben wir mildernde Umstände.

Und es ist ja nicht so, dass allein die SPD – außer an sich – an den Wählern verzweifelt. Es hat sie jetzt einfach dreimal hintereinander erwischt; am Sonntag brutal. Knapp dran bis weit vorne in den Umfragen – und dann abgeschmiert. Abgestraft. Erledigt. Hat aber auch CDU-Vize Julia Klöckner erlebt, vergangenes Jahr. Ihr Parteifreund Reiner Haseloff kam in Sachsen-Anhalt am selben Tag gerade noch so davon. Er hatte wie Klöckner mitten im Wahlkampf seine Position zur Flüchtlingspolitik gewechselt – weg von der Linie der Kanzlerin, hin zur Seehofer-Doktrin. Der Wähler nahm übel. Armin Laschet hingegen, womöglich bei diesem Thema noch liberaler als die Angela Merkel vom Herbst 2015, wurde nun belohnt dafür, dass er Wolfgang Bosbach an seine Seite holte, den Hardliner in Sachen Sicherheit und Migration.

Wenn Merkel im Moment des größten Triumphs und der tiefsten Demütigung ihres Herausforderers zur Vorsicht mahnt: dann nicht allein, weil sie, die Niedrigsttemperierte, ohnehin kein bisschen zum Übermut neigt – sondern auch, weil sie dem Wähler nicht traut. Aus Erfahrung.

Der ist nicht mehr ausrechenbar wie einst. Was ihm früher ein Leben lang inhaltlich wie emotional unmöglich war – die Partei-Präferenz zu wechseln –, schafft er nun vom Betreten des Wahllokals bis zum Kreuz in der Kabine. Gestern Rot, heute Schwarz, morgen Grün, Gelb, Blau oder gar nicht: Kostet den Wähler längst nicht mehr als ein Lächeln. Wenn überhaupt. Kostet ja auch die Politiker nichts, ständig mehr zu versprechen, als sie dann je halten. Denkt der Wähler. Und verspricht sich – nichts.

Eventuell wäre das auch umgekehrt eine Strategie. Wenn Angela Merkel für „Sie kennen mich“ mit dem Kanzleramts-Dauerabo belohnt wird und Hannelore Kraft für „NRWir“, also ziemlich genau dasselbe, aus der Staatskanzlei fliegt, kann das als riesengroße Ungerechtigkeit beweint werden. Hilft nur nichts. Der Wähler ist nicht böse, gemein oder doof. Er ist schlicht genauso flexibel wie der Politiker. Und damit die zweite große Unbekannte der Politik.

politik@fnp.de

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