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Kommentar: Der männliche Blick

Von Man frage überall was die Menschen so von der neuen SPD-Chefin halten – und erhalte zu 99 Prozent die Antwort: Die sei dann ja doch ein bisschen zu laut, ein bisschen zu derb, ein bisschen zu frech.
Die neue SPD-Parteichefin Nahles will beweisen, „dass Regieren und Erneuern möglich ist.” Foto: Bernd von Jutrczenka Die neue SPD-Parteichefin Nahles will beweisen, „dass Regieren und Erneuern möglich ist.”

Franz Josef Strauß hatte Affären, Willy Brandt auch, Herbert Wehner war ein Schandmaul und Helmut Kohl ein Vielfraß. Hat es ihnen geschadet? Im Gegenteil! So wenig wie Gerhard Schröder seine häufig wechselnden Gattinnen und Joschka Fischer sein Brachialmachotum. Hat man ihre Qualität als Politiker danach bewertet? Kein bisschen. Hat es, wenigstens das, ihre Sympathie-Prozente ruiniert? Von wegen!

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Dann kam Angela Merkel. Die sich immerhin nicht, wie Renate Schmidt, „Krampfhenne“ und „Mäuschen“ schimpfen lassen musste. Sondern bloß schlecht angezogen und lausig frisiert. Bei Ursula von der Leyen wurden die Kinder gezählt, bei Ilse Aigner der fehlende Mann registriert. Erstere halfen beim Karrieremachen, letzterer ganz im Gegenteil.

Und jetzt also Andrea Nahles. Man frage in Frankfurt, Sonntagabend, in Berlin, Montagmorgen, man frage ein paar Tage lang Männer wie Frauen, was sie so von der neuen SPD-Chefin halten – und erhalte zu 99 Prozent die Antwort: Die sei dann ja doch ein bisschen zu laut, ein bisschen zu derb, ein bisschen zu frech.

Nun ist Nahles nicht lauter als Strauß, nicht derber als Wehner, nicht frecher als Fischer. Wahrgenommen und beschrieben aber wird sie als – pardon, das sind die Ausdrücke – „machtgeil“, „nervig“, „hysterisch“, „unfähig“.

Vor 20 Jahren schrieb ein „Spiegel“-Redakteur, der gerade mal 16 Jahre älter ist als Nahles, einen peinlich onkelhaften Text über die damalige Juso-Chefin, den er sich so über den fast taggenau gleich alten Alexander Dobrindt niemals getraut haben würde. Und jetzt fordert der „Bild“-Chefsalbader Franz Josef Wagner tatsächlich von der SPD-Vorsitzenden, sie solle doch „leiser“ sein.

Nun kann man einen fast Fünfundsiebzigjährigen, der verzweifelt gegen die eigene Vorgestrigkeit anschwadroniert, getrost vergessen. Nur ändert das gar nichts daran, dass Politikerinnen im 69. Jahr der Republik und im 19. des dritten Jahrtausends weiter durch das Model-und-Zicken-Vergrößerungsglas beurteilt werden – und Politiker durch die Kompetenz-und-Erfolgs-Brille.

So betrachtet ist die Politikerin machtversessen, der Politiker mit demselben Ehrgeiz durchsetzungsstark. So betrachtet wird von ihr Demut verlangt – und bei ihm Mut geschätzt. So betrachtet ist das größte Lob des Publikums für die Politikerin – dass sie „Cojones“ hat oder „ein Kerl“ ist. „Der letzte Mann der SPD“ betitelte vor einem Jahrzehnt eine Journalistin ihr Nahles-Porträt – und hielt das allen Ernstes für ein Kompliment.

Sieht nicht aus, als wäre die Republik seitdem klüger geworden. Oder wenigstens gescheiter. Aber vielleicht könnte sie endlich mal anfangen damit.

politik@fnp.de

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