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Israel-Kritik: Kommentar: Der neue Antisemitismus

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Vor einigen Wochen fand in Frankfurt eine Diskussionsrunde zum Thema Antisemitismus statt. Die Referenten warnten zunächst in bewährter Manier vor dem Nazi-Denken, das in der Tat bis heute immer noch die meisten Strafverfahren wegen Antisemitismus nach sich zieht. Es dauerte eine Stunde, ehe Bassam Tibi eingriff und auf ein ganz neues Phänomen hinwies, das immer gefährlicher wird: den neuen Antisemitismus, der sich im Gewande der Israel-Kritik verbirgt. Wer heute mit Kippa durch Städte wie Berlin und Offenbach läuft, muss sich kaum vor Tritten mit Springerstiefeln fürchten, aber umso mehr vor prügelnden arabisch- oder türkischstämmigen Jugendlichen, die sagen, dass „Zionisten“ und „Juden“ nichts in Deutschland zu suchen hätten.

Dieter Sattler Bild-Zoom Foto: (FNP)
Dieter Sattler

Diese Form des Antisemitismus, die laut einer Studie der TU Berlin derzeit auch das Netz erobert, wird gerne beschwiegen, weil sie die klassischen linken Argumentationsmuster durcheinanderbringt. Hier sind nicht die Glatzköpfe oder „Nazis in Nadelstreifen“ die Bösen, sondern die „Erniedrigten und Beleidigten“, für die der Linke seit Rudi Dutschke doch so gerne kämpft. Vordergründig treten viele der neuen Antisemiten nicht „antisemitisch“ auf, sondern üben Kritik an der Unterdrückung der Palästinenser. Die Identifikation mit ihnen hat sogar Sympathisanten der Linkspartei auf Demos „Tod für Israel“ rufen lassen. Auch Parolen wie „Gestern Opfer – heute Mörder“ setzen das Vorgehen Jerusalems gegenüber den Palästinensern mit dem Holocaust gleich. Ein Wahnsinn, der auch immer noch typisch für den „alten“ Antisemitismus ist.

Der neue Antisemitismus überfordert nicht nur Linke, sondern auch unsere Gerichte. Jüngst wurde sogar dem Sänger Xavier Naidoo recht gegeben. Er darf nicht „Antisemit“ genannt werden, obwohl er doch in einigen Songs üble antisemitische Klischees bedient und entsprechende Codewörter wie „Baron Totschild“ benutzt. Dennoch könne ihm keine konsistente antisemitische Haltung unterstellt werden, hieß es. Dieser absurde Befund milderte bereits die Urteile für Jugendliche, die Juden auf der Straße verprügelt haben. Selbst ein israelischer Soziologe hat jüngst den neuen „Anti-Israelismus“ in fast verstehender Analyse eher auf den Nahost-Konflikt als auf antisemitische Motive zurückgeführt.

Gewiss ist Israels Annexionspolitik zu kritisieren und die Gewalt unverhältnismäßig, mit der seine Soldaten zuletzt an der Grenze zum Gaza-Streifen agierten. Aber wer so tut, als sei Israel schlimmer als China, Iran oder Saudi-Arabien, hat die Maßstäbe verloren. So wie der UN-Menschenrechtsrat, von dem die Politik Israels zuletzt häufiger verurteilt wurde als die besagter Todes-Diktaturen. Wie irrational mancher Moralapostel in der Israel-Frage unterwegs ist, kann man auch daran sehen, dass international anerkannte Musiker wie Brian Eno und Roger Waters sich an der Bewegung BDS beteiligen. Diese fordert zum Boykott und zu Sanktionen gegen Israel auf. Es ist aber nicht bekannt, dass die beiden jemals ein öffentliches kritisches Wort zu Peking oder Teheran verloren hätten.

dieter.sattler@fnp.de

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