Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige LS Lederservice Sie suchen einen Spezialisten aus Rhein-Main? Frankfurt am Main 24°C

Kommentar: Die Stunde der Außenseiter

Emmanuel Macron Foto: Lionel Bonaventure (AFP POOL/AP) Emmanuel Macron

Seit der Weimarer Republik orientiert sich die Sitzordnung im Parlament am Links-Rechts-Strickmuster des politischen Systems. Im Deutschen Bundestag war lange Zeit links von der SPD nur die Wand, bis die linkssozialistische PDS kam. Die nationalliberale FDP wurde in der Nachkriegszeit rechts von der Union verortet. Auf das Gesamtbild nach der Bundestagswahl am 24. September darf man nach dem Wiedereinzug der Liberalen und dem Sprung der AfD über die Fünf-Prozent-Hürde gespannt sein.

Nicht nur in Berlin, auch in anderen europäischen Parlamenten orientiert sich die Sitzordnung an angestammten politischen Milieus. Das Ende dieser politischen „Gesäß-Geografie“ könnte aber schon am kommenden Sonntag beim ersten Wahlgang zur französischen Nationalversammlung nahen. Sollte die Bewegung „En marche“ („In Bewegung“) des neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron eine Mehrheit in Paris erringen, würde dies das in Jahrzehnten gewachsene Parteiensystem der Fünften Republik zum Einsturz bringen. Europa erlebt die Stunde der Außenseiter, deren Lockspeise Charisma und Visionen sind. Eine Partei schadet nur.

Dieter Weirich Bild-Zoom
Dieter Weirich

Macrons Sieg wurde vom französischen Wahlsystem, dem Filz des Republikaners Fillon und dem übermächtigen Wunsch nach einer Verhinderung von Marine Le Pen begünstigt. Dahinter verschwinden die „altmodischen“ Kategorien von links und rechts. Dass Macron der Held der französischen Jugend sei, ist falsch. Junge Menschen im Nachbarland tendieren vor allem zu den Linkssozialisten wie zur Rechten.

Es ist nicht nur die Parteiverdrossenheit, die neue Führer schafft. In allen europäischen Gesellschaften erlebt man den Prozess der Entideologisierung. Von Parteien gestützt zu werden, gilt eher als hinderlich. Auch hierzulande verschweigen beliebte Politiker gerne ihre „politische Blutgruppe“.

Ein anderes Modell für eine wirkungsvolle „One-Man-Show“ ist die freiwillige Kapitulation einer in den Interessen ihrer Bünde verfilzten und im Machtstreben ihrer Regionalfürsten gefangenen Organisation wie der Österreichischen Volkspartei, die sich von dem feschen 30-jährigen Außenminister Sebastian Kurz die innerparteiliche Demokratie der Zukunft diktieren lässt. Seine Entschlossenheit, sich die Partei unterzuordnen, und sein Siegeswille könnten zum Machtwechsel führen. Bei der Kandidaten-Auswahl der Liste „Sebastian Kurz – die neue Volkspartei“ will er mehr auf Sachverstand als auf Parteizugehörigkeit setzen.

Die Auflösung tradierter Strukturen hat aber auch noch andere Konsequenzen. Die alten Wettbewerber kämpfen alle um eine diffuse politische Mitte und sind damit kaum noch unterscheidbar. Davon profitieren wiederum die Populisten von rechts und links.

politik@fnp.de

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse