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Wahlen in Großbritannien: Kommentar: Ein Lehrstückchen

"Wenn die Deutschen heute mit einer Mischung von Faszination, schwerem Unverständnis und leichtem Grusel Richtung Insel starren, hat das viel mit der Angst um Europa zu tun", sagt unsere Kommentarschreiberin Cornelie Barthelme.
Die Briten haben ein neues Parlament gewählt. Die Briten haben ein neues Parlament gewählt.

Wenn Europa heute aufwacht, dann hat Großbritannien schon wieder gewählt – diesmal ein neues Parlament. Wie dieses Unterhaus sein müsste, hat der Schriftsteller Ian McEwan – der spätestens seit seinem Roman „Abbitte“ auch in Deutschland eine große Fan-Gemeinde hat – Mitte Mai so beschrieben: skeptisch; kritisch nachforschend; besorgt, nicht im Sinn von ängstlich, sondern von achtsam. Allerdings prophezeite McEwan, dass die Briten ein solches House of Commons „wahrscheinlich nicht kriegen“.

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Man wird sehen. Das alte jedenfalls dämpft alle Hoffnung. Wie sich darin eine sehr große Mehrheit von sehr überzeugt scheinenden Brexit-Gegnern binnen Tagen in eine sehr große Mehrheit ebenso sehr passioniert scheinender Brexiteers verwandelte, vorneweg Theresa May, die so Herrin in Downing Street 10 wurde: Dieser üble Opportunismus um der Macht, des Machterhalts und ein wenig auch der Parteidisziplin willen lässt Kritiker und Feinde von Parlamentarismus und Demokratie jubeln bis heute. Und May stimulierte die Anti-Euphorie weiter, indem sie ihr Versprechen brach und die Neuwahl ausrief, sobald ihr die Meinungsforscher eine üppige Vergrößerung ihrer Mehrheit in Aussicht stellten. Nun muss sie erleben: Ihre Prinzipienlosigkeit hat nicht sie und die Tories gestärkt – sondern, ganz unabhängig vom Wahlausgang, den fast schon erledigten Jeremy Corbyn und seine tief zerstrittene und noch tiefer frustrierte Labour Party.

Wenn die Deutschen heute mit einer Mischung von Faszination, schwerem Unverständnis und leichtem Grusel Richtung Insel starren, hat das viel mit der Angst um Europa zu tun – und wenig bis gar nichts mit der Bundestagswahl. Und doch: Der Wahlgang im noch Vereinigten Königreich ist ein Lehrstückchen; zuerst für Martin Schulz, dann aber auch für Angela Merkel.

Zu lernen wäre, ganz allgemein, was geschehen kann, wenn ein unverfälscht und leidenschaftlich zumindest wirkender Herausforderer auf eine alles – auch und vor allem sich selbst – beherrschende Amtsinhaberin trifft. Wenn der Mut die Taktik bezwingt und die Überzeugung das Kalkül. Wenn sich eine wirkliche Alternative auftut, nicht bloß ein bisschen mehr und ein bisschen weniger vom Selben. Wie wichtig es also ist, alles zusammengenommen, ob Frontfrau und -mann begreifen, dass der zweite Teil von Wahl-Kampf der entscheidende ist.

Und zu lernen ist außerdem, dass nichts, aber auch wirklich gar nichts verloren sein kann vor dem Wahltag. Logischerweise auch nichts gewonnen. Jenseits des Kanals hat der Herausforderer das begriffen, die Amtsinhaberin nicht. Diesseits – so scheint es – ist es genau umgekehrt. Aber noch ist ja Zeit. Ein wenig. Exakt 107 Tage.

politik@fnp.de

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