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Buchmesse: Kommentar: Einspruch gegen die Zerstörung

Von Dummheit, Lüge, Hass: Im digitalen Universum spuken neue Dämonen der Barbarei. Auch desshalb ist schon zu Beginn der Buchmesse in Frankfurt zu spüren: Das Buch und das gedruckte Wort behaupten sich. Ein Kommentar von Michael Kluger.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron im Pavillon des Gastlandes Frankreich auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. Foto: Boris Roessler Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron im Pavillon des Gastlandes Frankreich auf der Buchmesse in Frankfurt am Main.

Es ist anders gekommen. Jedenfalls nicht so, wie die Visionäre, Utopisten und Fantasten des Digitalen prophezeit haben. Die Gutenberg-Welt ist nicht implodiert. Das Buch und das gedruckte Wort behaupten sich – und keineswegs als morsche Fossilien einer überlebten Vergangenheit, sondern mit einer Macht, die manche längst geschwunden wähnten. Schon zu Beginn der Messe ist es zu spüren: ein neues Selbstvertrauen jener, die im Buch nicht nur eine Ware sehen, sondern das Manifest des Geistes, der Vernunft, des zivilisierten Diskurses.

Das hat mit dem Erschrecken, ja Entsetzen zu tun über das, was in der digitalen Welt zutage tritt: die Abgründe der Dummheit, der Lüge, des Hasses, die Zerstörungswut, die populistische, mitunter ins Wahnhafte und Pathologische wegdriftende Hysterisierung, die das Gespräch im Netz nicht selten sinnlos machen. Der schöne Traum vom herrschaftsfreien Diskurs, vom Austausch der Argumente unter durch Bildung dazu befähigten Gleichen guten Willens hat sich eingetrübt. Wir haben gelernt: Im digitalen Universum spuken neue Dämonen der Barbarei. Noch zahlreicher als im analogen, weil sie sich gegenseitig bestätigen und bestärken.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Es hat sich auch die Annahme nicht bewahrheitet, man müsse die Menschen nur mit der neuen Technologie, mit Tablets, Smartphones und tausend Apps ausstatten, so werde ihre Welt schon besser. Der Zugang zu den Quellen des verfügbaren globalen Wissens werde die Kultur befördern und die Völker befrieden. Mit der digitalen Teilhabe wüchsen auch die Chancen des Einzelnen, von Bildung und Wohlstand zu profitieren. Wir haben gelernt: Die Digitalisierung vergrößert zunächst das Heer der Abgehängten und Ausgeschlossenen. Sie macht den Menschen zum Objekt der Ausspähung und der Manipulation. In dem Maße, in dem sie ihn zu befreien scheint, unterwirft sie ihn neuer, oft undurchschaubarer Fremdbestimmung. Wissenschaftliche Studien sehen den Einsatz der Neuen Medien etwa in der Früherziehung von Kindern vor allem kritisch, eher als Entwicklungshemmer denn als hilfreich für die Persönlichkeitsentfaltung. Warum?

Das Buch ist ein Medium der Konzentration, des Verstehens, der Durchdringung. Lesen bedeutet vertiefte Aufmerksamkeit, heißt, sich vor Ablenkung und Zerstreuung zu schützen. Lesen ist nicht dasselbe wie Informationen und Daten abrufen. Lesen ist ein komplexer Akt des Aufnehmens, Verknüpfens, Memorierens und selbstständig Fortentwickelns. Um sich im digitalen Kosmos bewegen zu können, bedarf es zuerst der Lesefähigkeit, des Vermögens, zu urteilen, zu bewerten, einzuordnen, Zusammenhänge herzustellen. Lesen befähigt zur Kritik. Sie ist es, die autoritäre Systeme am meisten fürchten.

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"Europa ist nichts ohne Kultur", sagte Frankreichs Staatspräsident bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse. Die Vielfalt des Kontinents sei sein Reichtum.

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Meinungsfreiheit ist ein Schwerpunkt der diesjährigen Buchmesse. Sie ist bedroht durch die Gewalt, mit der Populisten und autokratische Regime auf das freie Wort reagieren, Schriftsteller und Journalisten verfolgen, Bücher und Presse zensieren. Sie ist aber auch bedroht durch die Zerstreuung des mündigen Denkens, durch auftrumpfenden Irrationalismus und die fundamentalistische Weigerung, dem anderen zuzuhören, sich gar seiner Kritik auszusetzen.

Es fügt sich glücklich, dass Frankreich in diesem Jahr Messe-Ehrengast ist. Das Land kämpft seit langem mit Problemen, die nahezu alle Länder Europas bedrängen. Es ringt heftiger noch als andere mit dem Neuen. Aber es ist auch das Land des freien Bewusstseins, der kritischen Debatte. Ihm verdankt Europa viel von seinem offenen Geist. Und es hat zuletzt wieder bedeutende Bücher hervorgebracht, herausragende Autoren, großartige Literatur. Mit Michel Houellebecq besitzt es womöglich den Autor, der die Krise Europas am klarsten beschrieben hat. Aber da sind auch Leïla Slimani, Didier Eribon, Yasmina Reza, Mathias Énard . . . Jedes ihrer Bücher ist Einspruch gegen die Zerstörung der europäischen Kultur.

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