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Warum die Wirtschaft heute andere Wege gehen muss: Kommentar: Ethik geht nicht digital

Wirtschaft wurde früher mit einer Maschine verglichen, deren Mechanik funktionieren muss. Doch das geht an der Wirklichkeit vorbei. Wirtschaft ist ein lebendiger Prozess, der vor allem von menschlichen Beziehungen profitiert. Und manchmal sogar von tierischen Akteuren. Ein Gast-Kommentar von Dr. Klaus-Jürgen Grün.
Gute Laune hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und chinesische Staatspräsident Xi Jinping bei der Eröffnung der neuen Anlage für zwei Pandabären im Berliner Zoo. Das kann auch der Wirtschaft helfen. Foto: Axel Schmidt (POOL Reuters) Gute Laune hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und chinesische Staatspräsident Xi Jinping bei der Eröffnung der neuen Anlage für zwei Pandabären im Berliner Zoo. Das kann auch der Wirtschaft helfen.
Frankfurt. 

Der Wirtschaftsgipfel in Hamburg begann metaphorisch in Berlin zwischen Pandabären und Diplomaten im Zoo. Das erinnert ein bisschen an Arthur Schopenhauer, der schon vor hundertfünfzig Jahren die Befürchtung äußerte, dass das Wort „Anthropologie“ viel zu hoch gegriffen sei – „Zoologie“ reiche vollkommen aus, um auch den Horizont des menschlichen Geistes zu umreißen. Und so viel ist richtig an dieser Vermutung: Die Nähe des Menschen zum Tier ist ungleich größer als die Nähe zur Maschine.

Emotionen geweckt

Dass die Diplomatie der Wirtschaftsbeziehungen ihren ersten Akt im Zoo aufführte, hat Methode. Abseits von der programmierten, politisch korrekten Kategorie des Sprachgebrauchs erfahren wir mehr über die aufrichtigen Interessen der Gegenseite. Die Pandabären haben gute Laune verbreitet. Sie haben Erinnerungen, Emotionen und Erwartungen geweckt, die der Rationalität später folgender Verhandlungen nicht äußerlich bleiben wird.

Zur Person: Dr. Klaus-Jürgen Grün

Dr. Klaus-Jürgen Grün (Jahrgang 1957) ist Professor für Philosophie an der Frankfurter Goethe-Universität, Vizepräsident des Ethikverbandes der deutschen Wirtschaft und Leiter des von ihm

clearing

Menschliche Beziehungen entstehen analog, nicht digital. Wenn uns Wirtschaftsnachrichten Metaphern liefern wie „Geld ist das Schmiermittel der Wirtschaft“ oder „Die Wachstumslokomotive China gerät ins Stottern“, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Menschen die Wirtschaft analog zu einer altertümlichen Maschine auffassen, deren Mechanik aus dem 19. Jahrhundert stammt. Wer sich erfolgreich am Wirtschaftsprozess beteiligen will, kann nicht dauerhaft durch seine Sprache unliebsame und falsche Erwartungen erzeugen. Sprache ist nicht unschuldig. Sie strukturiert die Wirklichkeit, die wir später erleben. Schon das Wort „Steuerzahler“ erzeugt die Erwartung, dass man für etwas bezahlt, wofür es eine Gegenleistung geben müsse. Sollte diese ausbleiben, stellt sich das Gefühl ein, ungerecht behandelt worden zu sein.

Klaus-Jürgen Grün Bild-Zoom
Klaus-Jürgen Grün

Unsere herrschenden Ethiken verraten in ihren Forderungen ebenfalls eine Herkunft aus der längst vergangenen Wirklichkeit einer preußischen Pflichterfüllung. Der Umgang mit mechanischen Maschinen spiegelte sich wider in „Verordnungen“, die in Amtsstuben „ausgefertigt“ wurden, wo ein Jargon vorherrschte, der den älteren von uns noch aus dem Sprachgebrauch Walter Ulbrichts und Erich Honeckers unangenehm im Ohr nachklingt.

Ethiken wollen heute noch Verantwortung „zuschreiben“ und in der Gefolgschaft Immanuel Kants ein Sollen verordnen. „Du kannst, weil du sollst“, lautet zusammengefasst die Unmöglichkeitsforderung Kants, und sie herrscht immer noch vor, wo uns Pflichtbewusstsein beispielsweise dazu auffordert, dass wir unsere Steuern doch gerne „entrichten“ sollen.

Nicht nur Maschinist

In dieser Ethik „gebietet“ die Vernunft, was der Mensch tun soll. Ganz gleich, wie ehrenvoll dies gedacht sein könnte, so spannt es doch eine Wirklichkeit auf, in der der Mensch Befehle empfängt, die er nach bürokratisch entworfenen Plänen „interesselos“ auszuführen habe.

Es ist kein Wunder, wenn sich der Mensch für seine Taten nicht verantwortlich fühlt, wenn er sein Handeln analog zu einem mechanischen System eingeübt hat. Dabei wird die „moralisch-gebietende Vernunft“ – wie Kant sie genannt hatte – als der Maschinist aufgefasst, der bloß noch Hebel in Bewegung setzen muss, damit die Maschine rund läuft.

Wirtschaft hat sich befreit aus dem altertümlichen Modell, nach dem Pflichterfüllung an den Interessen lebender Organismen vorbei erfolgen sollte. Wirtschaft zeigt sich heute als der Stoffwechsel, in dem ein grundlegender Anspruch lebender Organismen befriedigt werden kann: Leben strebt danach, dass es ihm besser geht. Es bewegt sich von dort fort, wo es ihm schlecht ging und hält sich dort vermehrt auf, wo Erwartung des „Besser“ am stärksten ausgebildet wird.

Wirtschaftsethik gewinnt aus diesen Grundlagen ihre Aufgabe. Sie reagiert darauf, dass Menschen weniger bereit sind zuzuschauen, dass nur Wenige ihre Ansprüche auf Wohlsein durch die Wirtschaft erfüllen können. Viel mehr Menschen als jemals zuvor beanspruchen Mitspracherecht bei der Gestaltung des Wohlstandes.

Das ist kein Schaden, sondern ein Ausdruck der Lebendigkeit von Wirtschaft, denn es schafft Beweglichkeit durch Diversität, die sich schneller auf Veränderungen einstellen kann als viele unbewegliche Großkonzerne, deren Kurs sich nun langsam korrigieren lässt, wenn er unliebsame Erwartungen weckt.

Wirtschaft verändert unsere Lebenswelt. Aber sie kann das dauerhaft nur leisten, wenn sie dabei nicht die grundlegenden Interessen des Lebens ignoriert. Dass der G 20- Gipfel nicht auf dem Golfplatz stattfand, strukturierte auch die Erwartung einer Neuordnung der globalen Machtverhältnisse.

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