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Kommentar: Fragwürdige Arithmetik des Lufthansa-Chefs

Von Rund 1250 Flugbegleiter und Piloten sind aufgrund der diesjährigen Kapazitätskürzungen zu viel an Bord, rechnet Lufthansa-Vorstandschef Christoph Franz vor. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Panagiotis Koutoumanos Panagiotis Koutoumanos

Rund 1250 Flugbegleiter und Piloten sind aufgrund der diesjährigen Kapazitätskürzungen zu viel an Bord, rechnet Lufthansa-Vorstandschef Christoph Franz vor. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Entspricht doch diese Zahl genau der Zahl von Flugbegleitern und Piloten, die die Lufthansa-Billigflugtochter Germanwings im kommenden Jahr benötigt. Germanwings soll 2013 alle innerdeutschen und europäischen Verbindungen übernehmen, die nicht über die Lufthansa-Drehkreuze Frankfurt und München abgewickelt werden. Damit soll der Punkt-zu-Punkt-Verkehr, der bislang jährliche Verluste in dreistelliger Millionenhöhe produzierte, endlich profitabel werden. Denn die in Köln beheimatete Germanwings operiert deutlich kostengünstiger als die klassische Lufthansa-Passage – nicht zuletzt, weil das fliegende Personal dort unterm Strich weniger verdient. Die Germanwings-Gehälter liegen bis zu 40 Prozent unter denen der Lufthansa-Passage.

Kein Wunder also, dass kein Flugbegleiter und kein Pilot freiwillig zur Billigflug-Tochter wechseln will – und "gezwungen werden kann ja niemand", wie es bei der Lufthansa-Führung heißt. Aber den Druck auf die Mitarbeiter erhöhen kann man ja, wird sich Franz gedacht haben. Also setzt er die nur schwer nachvollziehbare Zahl von 1250 Mitarbeitern in die Welt, die nach seiner Darstellung nun um ihre Jobs fürchten müssen. Denn wer würde es nicht vorziehen, für weniger Geld zu arbeiten, statt überhaupt nicht zu arbeiten?

Franz’ Vorstoß belegt, wie verzweifelt die Lufthansa-Spitze im Rahmen ihres Score-Programms inzwischen versucht, die Ertragskraft des gelben Kranichs zu erhöhen, damit dieser auch künftig die Nase vorne hat und nicht von den aufstrebenden Golf-Airlines auf der einen und den Billigfliegern auf der anderen Seite zerrupft wird. Die "Germanisierung" der Airline ist ein wesentlicher Baustein dieses Programms. Schon Anfang kommenden Jahres soll die neue Germanwings stehen, um Station für Station, Strecke für Schritt die Lufthansa-Verkehre zu übernehmen. Aber von einer Einigung mit den Gewerkschaften ist der Konzern noch weit entfernt.

Dass der Vorstand die Punkt-zu-Punkt-Verkehre komplett aufgibt und Easyjet&Co überlässt, ist indes sehr unwahrscheinlich. Die British Airways hat dies getan, aber die hat ihren Sitz auch nicht in der Mitte des Kontinents und verfügt darüber hinaus über eine traditionell sehr starke Position im Nordatlantik-Verkehr. "Wenn die Verhandlungen mit den Tarifpartnern zu keinem guten Ergebnis führen, stehen andere Ideen im Raum", sagte Franz gestern auf Anfrage. Sicherlich könnte er das seiner Ansicht nach überflüssige Personal abfinden und zu Germanwings-Tarifbedingungen neues einstellen. Solch einen Konfrontationskurs ist Franz auch gegen die Piloten der österreichischen Tochter AUA erfolgreich geflogen, wo der Flugbetrieb auf die Regionaltochter Tyrolean übergegangen ist. Franz würde das Verhältnis zu den hiesigen Tarifpartnern damit zwar zerrütten. Aber wagt der Lufthansa-Chef diesen Schritt, hätten Flugbegleiter und Piloten letztlich kaum Chancen sich durchzusetzen.

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