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Politisch korrekt: Kommentar: Gegen die Gesinnungsdiktatur

„Augustinus zwischen Christus und Maria ” von Peter Paul Rubens. Foto: Frank Rumpenhorst „Augustinus zwischen Christus und Maria ” von Peter Paul Rubens.

Schwarze Balken über einem nackten Frauenkörper auf einem Rubens-Gemälde? Einem Bild von Kirchner? Einer Skulptur von Rodin? Was ist in die Redaktion gefahren, dass sie verlangt, bedeutende Werke aus dem Frankfurter Städel zu entfernen? „Diese Bilder wegschließen, bitte!“: Mit dieser ins Grotesk-Irrwitzige getriebenen Forderung hat unser Kunstexperte Dierk Wolters im Kulturteil dieser Zeitung ironisch gezeigt, wohin es führt, wenn die „politische Korrektheit“ unseren Blick, unser Denken, unsere Sprache beherrscht: zur Zensur.

Wir leben in hysterischen Zeiten. Eine traditionsreiche Apotheke soll nicht mehr „Mohren“-Apotheke heißen, weil damit angeblich farbige Menschen diskriminiert werden. Ein Gedicht, das Bewunderung für weibliche Schönheit ausdrücken will, muss von einer Hochschulwand entfernt werden, weil Feministinnen darin die sexualisierte Gewalt des chauvinistischen Männer-Blicks erkennen wollen. Astrid Lindgren wird umgeschrieben, weil Pippis Papa kein „Negerkönig“ sein darf. Und wer Bedenken gegen Merkels Flüchtlingspolitik äußert, ist ein Rassist, ein Rechtspopulist oder gleich ein Nazi.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Die öffentliche Debatte ist von einem Klima des Verdachts und der Verbote geprägt, das man nicht mehr für möglich gehalten hat. Ein maßloser, intoleranter Moralismus ermächtigt sich zur letztinstanzlichen Spruchkammer in gesellschaftspolitischen und weltanschaulichen Fragen. Wer sich seinen Dekreten und Verordnungen nicht fügt, wird geächtet, belehrt, verurteilt, mit Hohn und Spott, Schimpf und Schande, Schmach und Demütigung überzogen. Die Hybris der einen Wahrheit setzt sich an die Stelle des Austauschs der Argumente, der gegenseitigen Anerkennung, des Gesprächs auf Augenhöhe, dessen Prämissen und Ergebnisse nicht von vornherein feststehen.

Es beginnt mit vorgefertigten Phrasen und endet mit formatierten Gedanken. Die regulierte Sprache, die Wahrheiten bemäntelt, verschleiert, vernebelt, setzt sich fort in Denkverboten, gesteuerten Diskursen, autoritärer Deutungshoheit. Am Ende stehen manipulierte Wirklichkeiten, verlogene Scheinwelten. Filterblasen. Zensur. Die gutgemeinte, politisch korrekte Rede, die niemanden verletzen, herabsetzen, ausschließen will, schlägt um in eine Diktatur der richtigen Gesinnung und moralischen Orthodoxie. Sie mündet in Diffamierung und Ausschluss derer, die eine andere Perspektive haben.

„Diese Bilder wegschließen, bitte!“ Weil sie von Männern gemalt sind? Weil sie vermeintlich den weiblichen Körper bloßstellen? Weil sie noch immer den „Mohr“ im Titel tragen? Oder nicht auf der „richtigen“ Seite stehen? Unserer Beitrag hat viele Leser provoziert, geärgert, zu wütenden Einsprüchen herausgefordert. Ebenso viele haben dem Versuch applaudiert, „politische Korrektheit“ mit einem Augenzwinkern ad absurdum zu führen und in ihren Konsequenzen zu entlarven.

Sollen wir ein Bild aus dem 17. Jahrhundert entfernen, weil es manchen Gruppen nicht in ihr normatives Koordinatensystem zu passen scheint? Eine liberale Gesellschaft muss die Abweichung ertragen, das Andere, Fremde, den Dissens. Der Zwang ergibt sich nicht aus der Behauptung, im Besitz der einen „korrekten“ Wahrheit zu sein, sondern aus dem Geltenlassen des besseren Arguments, aus der kritischen Prüfung im Dialog, der Abwägung mit den Maßstäben der Vernunft. Alles andere führt zu Irrationalismus, Gewalt und Repression, zum Ende der Freiheit, wie wir sie kennen.

michael.kluger@fnp.de Leserbriefe auf dieser Seite

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