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Schulz: Kommentar: Glaubwürdigkeit verloren

Schulz hatte nach dem Debakel der SPD bei der Bundestagswahl im September ausgeschlossen, in ein Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) einzutreten. Foto: Bernd von Jutrczenka Schulz hatte nach dem Debakel der SPD bei der Bundestagswahl im September ausgeschlossen, in ein Kabinett von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) einzutreten.

Martin Schulz ist in nur einem Jahr vom Shooting Star und Mr. 100 Prozent der SPD zur persona non grata abgestürzt. Menschlich muss man fast schon Mitleid mit ihm haben. Politisch hat Schulz so viele Fehler gemacht, dass der Abstieg unvermeidlich war. Der schlimmsten zwei waren wohl, dass er eine große Koalition mit der Union auch dann noch ausschloss, als Jamaika gescheitert war. Die Begründung, er hätte ja nicht wissen können, dass der Bundespräsident kurz darauf eine Groko empfehlen würde, ist gelinde gesagt, kaum nachvollziehbar. Und der zweite Fehler war, dass Schulz im Wahlkampf den Eintritt in ein Kabinett Merkel kategorisch ausgeschlossen hatte. Vor allem dieser Fehler hat ihm jetzt das Genick gebrochen.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Um sich selbst ins Kabinett zu retten, war Schulz sogar bereit gewesen, seinen früheren Freund und Förderer Sigmar Gabriel aus dem Amt des Außenministers zu verdrängen. Das bezeichneten selbst SPD-Mitglieder, die Gabriel nicht mögen, als „den größten Verrat in der Geschichte der SPD“. Zu dieser menschlichen Enttäuschung passt, dass ausgerechnet Schulz’ NRW-Landesverband großen Druck auf die SPD-Spitze ausgeübt hatte. Man sprach dort von einem riesigen „Glaubwürdigkeitsproblem“ ausgerechnet für Schulz, der doch als sein größtes politisches Kapital in den Wahlkampf eingebracht hatte. Aus Hessen soll Schulz sogar als „ein großes einjähriges Missverständnis“ bezeichnet worden sein.

Das stimmt, legt aber ähnlich wie bei einem Sportverein, der einen Trainer mit katastrophaler Bilanz eingestellt hat, auch eine gewisse Mitschuld der Partei nahe. Die SPD war vor einem Jahr einer kollektiven Selbstberauschung verfallen und fragte nicht mehr nach politischer Substanz. Die potentiellen SPD-Wähler merkten schneller als die Parteiführung, dass da bei Schulz nicht viel zu holen war. Das hätte man ahnen können. Denn viele, die Schulz schon länger kennen, bezweifelten von Anfang an, dass er eine große Partei führen kann. Insofern spiegelt sein schneller Fall die Krise seiner Partei wieder.

Kurzfristig hatte jetzt die neue Parteispitze Andrea Nahles/Olaf Scholz geglaubt, Schulz sei, weil pflegeleichter, für sie der bessere Außenminister als Gabriel. Der konnte, aber, obwohl immer umstritten, einige Truppen für sich mobilisieren. Für die SPD gilt in Bezug auf Gabriel der Spruch des Ex-US-Präsidenten Johnson: Es ist besser, ihn im Zelt zu haben, und er wirft Steine raus, als dass er von draußen welche reinwirft.

dieter.sattler@fnp.de Bericht auf dieser Seite

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