Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Kommentar: Hessen – ein Land der Gegensätze

Von
<span></span> Foto: Salome Roessler

70 Jahre alt ist unser Bundesland nun – also genau genommen die Verfassung des Landes. Die wird ja gerade reformiert, enthält sie doch als Relikt vergangener Zeiten gar noch die Todesstrafe. Aber in welcher Verfassung ist Hessen eigentlich nach 70 Jahren?

Zumindest ist das Land zeitgemäßer als seine Verfassung. Kein anderes deutsches Bundesland kann mit einer so avantgardistischen Skyline aufwarten wie Hessen mit seiner Bankenmetropole Frankfurt. Und kaum einem anderen Land gelang nach dem Krieg ein so schneller wirtschaftlicher Aufschwung wie Hessen mit seiner zentralen Lage als Industriestandort. Und das, obwohl vor allem Nord- und Osthessen über viele Jahre hinweg stark unter der deutschen Teilung gelitten haben. Von der großen Wirtschaftskraft des Landes profitieren die Hessen bis heute.

Zugleich ist Hessen aber auch ein Land großer Gegensätze: Den Hessen gibt es ebenso wenig wie das Hessisch.

Wer vom pulsierenden Südhessen mit seiner Vielzahl an größeren Städten wie Frankfurt, Darmstadt, Wiesbaden und Offenbach, die alle weniger als 50 Kilometer auseinander liegen, in Richtung Wetterau aufbricht, erlebt schon eine völlig andere Welt: Hier beginnt das beschauliche Mittelhessen, das bis hinauf nach Marburg reicht, wo die Menschen gar nicht so „babbeln“ wie in Frankfurt, dafür aber das „r“ so lustig rollen. Wo Handkäs eher verpönt ist, dafür aber leckerer Schmandkuchen gebacken wird.

Wer sich aus dem hessischen Süden gar auf die Reise nach Nordhessen macht, startet gefühlt zu einer Fernreise. Das liegt nicht nur an der mehr als zweistündigen Autofahrt, die fast immer staugeplagt ausfällt. Vor allem trifft der Südhesse in Kassel und Umgebung auf ganz andere Menschen und eine ganz andere Landschaft. Im Gegensatz zur dichten Besiedelung in Südhessen wirken weite Landstriche hier einsam und abgeschieden. Obwohl das Klima zwischen den bewaldeten Höhenzügen im Norden Hessens deutlich unwirtlicher ist als etwa an der milden Bergstraße, gibt es dort indessen eine kulinarische Gemeinsamkeit mit mediterran geprägten Regionen: luftgetrocknete Wurst – fachmännisch genannt „Ahle Wurscht“, die auch bei der Kanzlerin sehr beliebt ist.

Mit all diesen vielen Facetten ist Hessen nach 70 Jahren ein vielfältiges und leistungsstarkes Bundesland. Ein Land, das allerdings trotz des üppigsten alljährlichen Identifikationsfestes der Republik – genannt Hessentag – keine gemeinsame Identität entwickelt hat. Nicht erst seit der jüngsten Flüchtlingswelle, sondern seit 70 Jahren ist Hessen ein Zuwanderungsland für Inländer wie Ausländer. Vielleicht sind es aber gerade dieser Austausch und die Weltoffenheit der Menschen zwischen Darmstadt und Kassel sowie zwischen dem Rheingau und der Rhön, die Hessen ausmachen. Seite 3, Rhein-Main & Hessen

christiane.warnecke@fnp.de

Zur Startseite Mehr aus Meinung der Redaktion

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse