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Kommentar: Innehalten ist nicht vorgesehen

Kurz nach der Abfahrt der Mannschaft von Dortmund vom Hotel zum Stadion sind in der Nähe des Mannschaftsbusses drei Sprengsätze explodiert. Foto: Carsten Linhoff (dpa) Kurz nach der Abfahrt der Mannschaft von Dortmund vom Hotel zum Stadion sind in der Nähe des Mannschaftsbusses drei Sprengsätze explodiert.

Paris, Brüssel, Nizza, Berlin, London, Stockholm, Dortmund: Die Liste der Schreckensorte wird immer länger, die Abstände zwischen den grauenhaften Taten werden immer kürzer. Und die Menschen fragen sich: Bin ich auf dieser Welt noch sicher? Und wenn ja – wo?

Auf belebten Straßen, in der U-Bahn, auf Flughäfen und Weihnachtsmärkten offensichtlich nicht. Dass auch Sportveranstaltungen ins Visier von Attentätern geraten, ist nichts wesentlich Neues. Die Mörder von Paris hatten auch versucht, während eines Fußball-Länderspiels gegen Deutschland ins Stade de France einzudringen. Kurz danach wurde in Hannover eine Partie der Nationalmannschaft wegen konkreten Terrorverdachts abgesagt.

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Christian Heimrich

Der Sport ist ein weltumspannendes Geschäft, in dem Milliarden umgesetzt werden, seine Protagonisten sind Prominente, viele sind schwerreiche Stars. Schlimm, aber wahr: Top-Sportler sind in diesen gewalttätigen Zeiten genauso gefährdet wie Politiker und Wirtschaftsführer.

Und sie müssen genauso funktionieren. Nicht einmal 24 Stunden nach dem Attentat auf ihren Mannschaftsbus wurden die Spieler von Borussia Dortmund aufs Feld geschickt. Obwohl sie aus nächster Nähe miterleben mussten, wie ein Kollege beim Angriff auf den Mannschaftsbus mit Sprengkörpern schwer verletzt wurde.

Wie soll man da eine vernünftige Leistung abrufen können? Es gibt Sportpsychologen, die die nachvollziehbare Meinung vertreten, dass ein Fußballer in dieser Situation keinen Trainer, sondern einen Traumatherapeuten braucht. Deshalb darf stark angezweifelt werden, dass es im Hinspiel gegen Monaco wirklich Chancengleichheit gegeben hat. Die Dortmunder mussten die Explosion am Teambus hautnah miterleben, die Monegassen nicht.

Aber, und da sind wir wieder beim Milliardengeschäft Sport: Ein ausgedehntes, angemessenes Innehalten ist auch in Zeiten des Terrors nicht vorgesehen, wenn Terminpläne eingehalten werden müssen. Man könnte es für blanke Unmenschlichkeit halten, aber es ist die traurige Realität im internationalen Fußball-Kalender: Einen anderen Termin als gestern Abend gab es nicht. Ansonsten hätten womöglich die Halbfinals und das Endspiel verschoben werden müssen. Und das hätte für noch mehr Unruhe im Zirkus Champions League gesorgt.

Von Dortmund geht aber auch eine gute Botschaft aus. Wie man dem Terror trotzt, haben ausgerechnet Fußball-Fans bewiesen. So mancher von ihnen wird gern selbst gewalttätig. Am Dienstagabend aber haben die Menschen ruhig, besonnen, überwiegend verständnisvoll und frei von jeder Panik reagiert. Gestrandete Franzosen und Monegassen fanden in Dortmund und über die Stadtgrenze hinaus kostenlos eine Bleibe. Das ist gelebte Solidarität. Und die ist am Ende stärker als Sprengsätze und gestelzte Politiker-Kommentare. Berichte Seite 1, 3 und 7

christian.heimrich@fnp.de

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