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Deutsch-Türken: Kommentar: Keine einfachen Antworten

Von Falls es auf die Frage nach der Attraktivität von politischen Verfechtern mindestens zweifelhafter Demokratie- und Menschenbilder überhaupt Antworten gibt, dann sind sie hochkompliziert und sehr komplex. Ein Kommentar von Cornelie Barthelme.
Mit Fahnen und lautstarkem Jubel feierten zahlreiche Türken auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Foto: Paul Zinken Mit Fahnen und lautstarkem Jubel feierten zahlreiche Türken auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Foto: Paul Zinken

Warum einer seit 40 Jahren in Deutschland lebt, sich mit Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung hier „sehr zufrieden“ nennt – aber beim türkischen Verfassungsreferendum für die Einschränkung von Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung dort stimmt: Wer soll das verstehen? Oder gar erklären? Am Dienstagmorgen ist im Deutschlandfunk zu hören, dass nicht einmal der sehr Zufriedene selbst das kann, Bülent Güven, Hamburger Vorstandsmitglied der UETD, der europäischen Lobby-Organisation für Recep Tayyip Erdogans Partei AKP, und zugleich Mitglied der SPD. Die Diskussion in Deutschland sei falsch, findet Güven. Und vielleicht ist sie das auch wirklich. Nur ganz anders, als Güven meint.

Cornelie Barthelme Bild-Zoom
Cornelie Barthelme

Seit Sonntagabend zerbricht sich der politisch interessierte Teil der Republik den Kopf über die Deutsch-Türken – und der kurzentschlossene, erst recht der mindestens tendenziell fremdenfeindliche namens AfD schwadroniert von Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Ja-Votierer; als sei das Wahlgeheimnis über Nacht abgeschafft. Binnen Stunden tobt die siebenundzwanzigste Auflage der Integrationsdefizit-Debatte – und die Verantwortung wird ebenso wütend wie absolut wahlweise „den Türken“ oder „den Deutschen“ zugeschoben.

Geht’s noch? Und falls ja: Mindestens drei Nummern kleiner?

Es gibt ein paar Fakten. Klargerechnet hat ein Sechstel der hier lebenden etwa drei Millionen Türken mit Ja votiert – und sich damit weniger für die neue Verfassung, die eigentlich zur Abstimmung stand, sondern für Erdogan entschieden. Fünf Sechstel aber – aus den unterschiedlichsten Gründen – nicht.

Warum 17 Prozent die drohende Autokratie für ihr Herkunftsland so attraktiv finden oder Erdogan so überzeugend: Das wäre gut zu wissen, ist indes nicht einfach zu erklären. Es lässt sich ja auch nicht schlicht und monokausal ausdeuten, weshalb ein Viertel der Sachsen-Anhalter die notorischen Zivilitätsattackierer von der AfD toll finden, klargerechnet auch hier natürlich viel weniger, und gut ein Zehntel der Thüringer den Nazi-Liebäugler Björn Höcke.

Falls es auf die Frage nach der Attraktivität von politischen Verfechtern mindestens zweifelhafter Demokratie- und Menschenbilder überhaupt Antworten gibt, dann sind sie hochkompliziert und sehr komplex. Dass blindes und taubes Heimatgefühl mit rein geografischer Entfernung wächst, ist da noch einer der simpelsten Mechanismen. Auch, dass die Verheißung von (National-)Stolz und Stärke gerade solche anzieht, die sich abgehängt oder zumindest verunsichert fühlen. Nicht umsonst gilt das Ruhrgebiet als Hochburg der AfD – und brachte nun zugleich Erdogan mit mehr als 75 Prozent das höchste Ergebnis in Deutschland.

Und ja: Es ist paradox, dass gerade Menschen, die sich hier ausgegrenzt fühlen und unterdrückt, dort den Unterdrücker und Ausgrenzer Erdogan hochjubeln. Das könnte der Beginn der richtigen Diskussion sein. Leider Konjunktiv.

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