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Weirich am Montag: Kommentar: Kohls Donnerstrahl

Helmut Kohl, 2014. Bilder > Helmut Kohl, 2014.

Dankbarkeit ist die Erinnerung des Herzens. Ein Gefühl, das ich gegenüber Helmut Kohl, dem Architekten der deutschen Einheit, empfinde. Es war ein Privileg, als junger Bundestagsabgeordneter im großen Tross dieses bedeutenden Staatsmanns für den Erfolg der Union zu streiten. Wenn der „ewige Kanzler“ geht, stirbt auch ein Teil der eigenen Biografie. Nachrichten vom Tod zeigen uns unsere eigene Endlichkeit auf.

Mein Nachruf soll ohne Heuchelei auskommen. Als junger Mitstreiter von Alfred Dregger verehrte ich nicht nur meinen Chef, sondern war auch ein Anhänger von Franz Josef Strauß. Meine erste Erinnerung mit Kohl verbinde ich mit dem CDU-Bundesparteitag in Saarbrücken 1971, wo der junge Reformer aus Mainz Rainer Barzel herausforderte. Der Bundesvorstand der Jungen Union hatte für Barzel votiert, der geschlagene Kohl bedachte mich in den Delegierten-Reihen mit einem Bonbon und der spöttischen Bemerkung: „Ihr seid Helden.“

Bei der Frage der Kanzlerkandidatur trat ich mit meinem Hanauer Kreisverband für eine Urwahl ein, die Mitglieder stimmten mit großer Mehrheit für Strauß, vom „System Kohl“ ungnädig aufgenommen. Wenn Kohl raumgreifenden Schritts und mit seiner bedrohlichen Leibesfülle in einen Raum kam, herrschte eine besondere Atmosphäre. Im kleinen Kreis spürte man sein Charisma. Als die Bundestagsgruppe der Hessen-CDU über die schlechten Umfragewerte während Kohls Kanzlerschaft klagte, lud uns der „schwarze Riese“ zum Mittagessen ins Bonner Kanzleramt ein. Er verspätete sich etwas, sagte „Ich bin ohnehin zu dick, esse nichts, ihr wollt mich kritisieren, also fangt mal an“, blieb den meisten Kritikern die Spucke weg. Schon aus Selbstachtung zog ich dann vom Leder. Dann traf mich der Donnerstrahl des „Dicken“. Ein Kollege meinte danach hämisch:„Das hat dir viele Jahre deiner Karriere gekostet“.

 

Kohl hatte ein ausgeprägtes Verhältnis zur Loyalität. Ihm gefiel, dass ich in einer Fraktionsdebatte einen Aufstand gegen Alfred Dregger mit einem, wie er sagte, „starken Beitrag“ abzuwenden versuchte. Er lud mich zum Gespräch ins Kanzleramt ein, ermunterte mich als Medienpolitiker, mehr das Gespräch mit jungen Journalisten zu suchen. Sein Kommentar: „Wir interessieren uns zu sehr für Intendanten „zu wenig für Volontäre“. Apropos Intendant: Er unterstützte mich bei meiner Bewerbung bei der Deutschen Welle.

Zum richtigen Kohl-Fan wurde ich aber erst später. Der Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Einheit, die Einbindung des Westens, die Vertrauen schaffenden Beziehungen zu Gorbatschow waren ein geniales Meisterstück internationaler Diplomatie.

Kohl hatte unübersehbare Schwächen in der Innenpolitik, doch in der Geschichte zählt für Politiker und ihre Epoche nur ein Thema: die deutsche Einheit im sich vereinenden Europa.

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