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Bundestagswahl: Kommentar: Krampf statt Kampf

Von Merkel führt sich auf wie eine Schallplatte mit Sprung. Und Schulz heißt zwar Herausforderer, aber hat inzwischen so viel Provozierendes an sich wie die Titelmusik der Tagesschau. Ein Kommentar von Cornelie Barthelme.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Foto: Nicolas Armer Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

In den vergangenen drei Tagen hätte die Republik, so sie sich für die Bundestagswahl überhaupt und, falls ja, schon interessiert, eine Menge lernen können. Dass es den Diesel „noch viele, viele Jahre geben“ wird – laut Kanzlerin. Und „der Bund nicht an Schultoren stehenbleiben darf“ – laut Herausforderer. Gut, so wirklich konkret ist beides nicht. Aber immerhin sind da jetzt zwei Themen, Auto und Abi samt allem, was davor noch so kommt, die das Wahlvolk direkt betreffen. Von denen es also – anders als von Nordkorea oder dem Länderfinanzausgleich – wirklich etwas versteht.

Hängen blieb indes wahrscheinlich trotzdem nur, dass Angela Merkel „abgehoben“ ist und „entrückt“. Sagt Martin Schulz. Oder das Dienstmädchen der Nation. Sagt sie selbst. Nein, sagt sie nicht, natürlich. Sondern, dass sie „einen Eid geleistet habe, dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen“. Weshalb – das muss das Wahlvolk sich dazudenken – sie selbstverständlich kein bisschen entrückt ist. Oder so abgehoben sein darf, wie sie will.

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Man könnte jetzt schreiben, dass Merkel sich aufführt wie eine Schallplatte mit Sprung. Das mit dem Dienen wiederholt sie in Endlosschleife seit Mai 2005, als sie Kanzlerkandidatin wurde, als erkläre es all das, was sie stur nicht erklärt. Man könnte auch schreiben, dass Schulz zwar Herausforderer heißt, aber – nach seinem fulminanten und verheißungsvollen Start – inzwischen so viel Provozierendes an sich hat wie die Titelmusik der Tagesschau. Man könnte schließlich anfügen, dass definitiv noch Hoffnung besteht. Nur wäre das glatt gelogen. Also Letzteres.

Das Aufregendste an diesem angeblichen Wahlkampf ist, dass Christian Lindner gar kein Politiker ist, wie er behauptet, sondern eine Art Hipster-Model, dem die FDP nun eine Großplakat-Kampagne spendiert – wofür auch immer. Und dass er mit seiner Politiker-Fake-Nummer sensationell lange durchgekommen ist. Es ist ein Witz, ein guter sogar. Noch vor, sagen wir, drei Wahlperioden, hätten zumindest die Grünen sich den niemals entgehen lassen. Jetzt muss das Wahlvolk gefälligst alleine lachen. Wenn es noch kann.

Denn scharf gerechnet heißt das, die Freudlosigkeit hat wohl schon vor zwölf Jahren die Politik infiziert, und vielleicht ist es kein Zufall, dass genau damals aus einer ziemlich ungelenken Kandidatin eine ziemlich unendliche Kanzlerin wurde. Ach, und bitte nicht verwechseln: Freudlosigkeit ist kein Synonym für Ernsthaftigkeit. Auch nicht für Seriosität. Und ihr Gegenteil ist nicht Albernheit, sondern mischt sich aus Phantasie und Lockerheit und Courage.

Ja, eventuell ist dieser Wahlkampf typisch deutsch: Sehr gestreng und sehr schnörkellos und, am Ende, sehr effizient. Und vielleicht lässt die Republik sich genau deshalb diesen Krampf zumuten. Schade drum. Sogar sehr schade.

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