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Hilmar Hoffmann: Kommentar: Kultur für alle

Hilmar Hoffmann war einer der bekanntesten Kulturpolitiker Deutschlands. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. Foto: Frank Mächler Hilmar Hoffmann war einer der bekanntesten Kulturpolitiker Deutschlands. Jetzt ist er im Alter von 92 Jahren gestorben.

„Kultur für alle“ hieß das Schlagwort der 70er Jahre, das von niemandem so nachdrücklich in die Gesellschaft getragen wurde wie vom damaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann. „Kultur für alle“, das war das Manifest der Sozialdemokratie für die Pflege und Zugänglichkeit der Künste. Entstanden aus der Idee der Volksbildung, wollte „Kultur für alle“ über die Schulbildung hinaus durch die Beschäftigung mit dem Schöngeistigen neue Erkenntnisräume erschließen. Die Demokratie, so die Annahme, werde sich erst dann vollenden, wenn sich die Trennung zwischen Hochkultur für „die da oben“ und Grundkultur für „uns hier unten“ auflöse und beides zusammen in eine Gemeinschaft der Gleichgestellten übergehe. Mit seiner hanseatisch großzügigen Denkungsart hat Hilmar Hoffmann „Kultur für alle“ aber so nach Frankfurt gebracht, dass die Forderung nicht aufs Klassenkämpferische verengt wurde, sondern weitestmögliche Verwirklichung fand.

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Der aus Bremen stammende Kulturpolitiker machte sich daran, die kaufmännisch dahinwerkelnde Messestadt mit Beschwingtheit in das zu verwandeln, was sich seit den alten Griechen als Metropole versteht: ein Gemeinwesen, das von seiner Wirtschaftskraft zehrt, aber erst durch das eigene Stadtgefühl auflebt und dafür gleichermaßen aus der modernen Gegenwart wie der geschichtlichen Vergangenheit schöpft. Zusammen mit dem seinerzeitigen Oberbürgermeister Walter Wallmann, dessen historisches Bewusstsein den Weg wies, schuf Hilmar Hoffmann jenes Museumsufer, das sich seither am Main erstreckt und heute die Kulisse urbanen Daseins am Fluss abgibt. Der Wiederaufbau der Alten Oper, ohne den vielleicht die gerade wiedererrichtete Altstadt am Römerberg nie beschlossen worden wäre, ergänzte ein Stadtbild, in dem die Silhouette der Bankenhochhäuser die Fachwerkmitte umschließt.

„Kultur für alle“ brachte auch die Erweiterung des Kulturbegriffs auf die Alltagskultur mit sich. In dieser Hinsicht glich Hilmar Hoffmann dem einstigen französischen Kulturminister Jack Lang. Der nutzte, wie alle seine regierenden Landsleute, die Kultur einerseits als Mittel stilvoller nationaler Selbstinszenierung, andererseits als Ausdruck hoher Handwerkskunst, Kleidermode und Kochkunst. Jack Langs „Kulturhäuser“ entsprachen den von Hoffmann geförderten „Bürgerhäusern“.

Wie alle bedeutenden Politiker wirkte Hilmar Hoffmann über seine Amtszeit hinaus. Etwas von seinem Esprit ist in der Stadt verblieben und zeigt sich bei gegebenen Anlässen. Hoffmanns unmittelbare Nachfolger Linda Reisch und Bernhard Nordhoff indes scheiterten. Erst sein einstiger Literaturreferent Felix Semmelroth brachte wieder strategisches Denken und Weltläufigkeit ins Kulturderzernat, wo beides gerade wieder sehr im Schwinden ist.

sabine.kinner@fnp.de Bericht Seite 19

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