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Kommentar: Mit Mut und Maß

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Bühnenaufbauarbeiten finden im Schauspiel in Frankfurt am Main (Hessen) statt. Foto: Arne Dedert Bühnenaufbauarbeiten finden im Schauspiel in Frankfurt am Main (Hessen) statt. Foto: Arne Dedert

Und nun? Was wird aus Walhall? Was werden die Riesen bauen? Wer kann sie bezahlen? Gäbe es in Frankfurt einen Siegfried, der komplexe Probleme mit einem entschiedenen Schwerthieb löst, wäre die Sache einfach. Aber in Frankfurt regiert ein Dreierbündnis aus CDU, SPD und Grünen. Die Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) ist kaum ein Jahr im Amt. Die Union hat seit dem Abschied von Felix Semmelroth keine kulturpolitischen Konzepte mehr. Und so könnte es kommen wie in Wagners „Ring“: Hauen und Stechen, Zank, Zwist, Intrige und – Götterdämmerung. Denn das Projekt ist von einer Dimension, die Karrieren kosten kann.

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

Die Machbarkeitsstudie zur Sanierung der zerfallenden, technisch maroden Städtischen Bühnen sagt Kosten von bis zu 890 Millionen Euro (und mehr) voraus. Die Elbphilharmonie (ja, genau die!) verschlang nur 860 Millionen. Vor allem jedoch: Das Gutachten gibt keine Beschlussempfehlung. Es dekliniert drei etwa gleich teure Varianten durch – von einer elf Jahre währenden Sanierung bei laufendem Betrieb bis zu Abriss und Neubau innerhalb von sechs Jahren, alle drei am Standort Willy-Brandt-Platz. Am Ende muss die Politik über die Zukunft von Oper und Schauspiel entscheiden. Und die Frage lautet nicht nur: Was kostet das? Sondern: Was sind der Stadt und der Region, was sind den Bürgern ihre Bühnen wert?

Viel, womöglich fast alles spricht derzeit für den Erhalt am früheren Theaterplatz: die Lage im Zentrum, zwischen den Monumenten des Kapitals, umgeben von Grün und Abgasgestank, ebenso nahe dem Museumsufer wie den Meilen des Konsums, hier Paulskirche und Goethehaus, dort Hauptbahnhof, Bordelle und Klein-Istanbul. Die Konfliktlinien der Gegenwart kreuzen sich dort am schärfsten, wo man aus der Tristesse der U-Bahn-Schächte und Parkhäuser tritt, um Verdi und Shakespeare zu begegnen.

Wer dem Theater überhaupt noch eine Relevanz für die Fragen des 21. Jahrhunderts zutraut, wer in ihm überhaupt noch eine moralische Anstalt sieht, in der die Gegenwart sich über sich selbst aufklärt, der könnte in Frankfurt keinen besseren Ort finden: Dort, wo der lebendige Geist am unmittelbarsten auf Geld und Macht, Crack-Elend und Kommerzdrogen stößt, vermag er vielleicht am besten tanzende Funken aus seiner utopischen Glut zu schlagen. Wohlfeil, dass CDU-Baudezernent Jan Schneider gestern von alternativen Standorten orakelte, ohne einen zu nennen. Auch ein Schneider ist kein Siegfried.

Wer übernimmt jetzt die Führung? Das Trostloseste wäre ein Rückfall in die Debattenmuster von vorgestern: Kita versus Kultur, Prekariat gegen Elite, Stadtteilfest gegen Liederabend. Frankfurt benötigt Kunst weder als Feldmann’sche Sozialfürsorge noch als gefällige Unterhaltung für die höheren Business-Stände. Die brüchige Welt des 21. Jahrhunderts braucht mehr denn je Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“, im Sinne einer ästhetischen und moralischen Erziehung des Menschen. Wer einer „Ring“-Inszenierung noch zutraut, etwas Bedeutendes über uns und unsere Zeit erzählen zu können, der darf jetzt selbst keinen auf der politischen Bühne aufführen. Mut und Maß sind verlangt, nicht Hauen und Stechen.

michael.kluger@fnp.de

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