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Niedersachsen: Kommentar: Politik als Theater

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Turbulente Zeiten: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil spricht im Landtag in Hannover. Foto: Holger Hollemann Turbulente Zeiten: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil spricht im Landtag in Hannover.

Da schaust di an – die Österreicher. Hätte man nicht gedacht von ihnen. Freilich, wie man sie so kennt, gerade in Wien, gehört für sie ja das Vorgaukeln zum guten Ton. „Küss’ die Hand“ charmieren sie, wenn sie sich von der „gnä’ Frau“ eigentlich mit Grausen abwenden möchten, und zum „Herrn Doktor“ wächst bei ihnen noch der letzte Wappler, hochdeutsch: Idiot. Und da soll ausgerechnet ihr Bundeskanzler es mit der Wahrheit halten? „95 Prozent der Politik, die geboten wird,“ so Christian Kern jedenfalls im Januar, „besteht aus Inszenierung.“

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Inszeniert wird eigentlich – genau: im Theater. Man stelle sich also vor, Angela Merkel nichts als eine Schauspielerin! Andererseits: Liegt nicht die Republik ihr so kollektiv zu Füßen wie sonst nur, sagen wir, Iris Berben? Und dann ist da Bernd Althusmann. Der Parteifreund der Kanzlerin, der sich jetzt in Niedersachsen mit Hilfe einer anderen Parteifreundin, die eben noch eine Grüne war, ganz schnell in die Staatskanzlei katapultieren lassen will. „Fassungslos“ angesichts der Rede-Abstimmung zwischen Staatskanzlei und VW nannte Althusmann sich Montag früh und setzte ein überrascht-entrüstetes Gesicht dazu auf. Zu dumm, dass sich schon am Nachmittag herausstellte, wie die ganze niedersächsische Opposition schon seit fast einem Jahr en gros und detail Bescheid wusste – und wie sie Weils Verhalten damals aber auch schon gar kein bisschen skandalös gefunden hatte.

An Althusmann und seiner Kanzlerin erweist sich, worauf es ankommt, am Ende.

Das Problem ist ja, genau genommen, gar nicht das Theater. Gehört zur Politik, seit es Politik gibt. Lässt sich auch nicht verbieten. Erst recht und überhaupt nicht im Wahlkampf. Allerdings hat eben nicht jede und jeder dramaturgisches Gespür und zugleich das Zeug zur Heroine und zum Helden. Da war, beispielsweise, jener bayerische Umweltminister, der mitten im Tschernobyl-GAU öffentlich schwerstverstrahlte Molke vom Finger zu lecken vorgab, damit alle glauben sollten, das giftige Zeug sei auch Kindern zuzumuten. Es gab die beiden Ministerpräsidenten aus Wiesbaden und Saarbrücken, die unter großem Protest aus dem Bundesrat auszogen, nur um hinterher zu verraten, dass die „Empörung verabredet“ war. Hier wie dort war die Aufführung dilettantisch, die Herrschaften machten sich lächerlich – und das Publikum vergaß es ihnen nie.

Einerseits nämlich gilt für die Politik dasselbe wie fürs Theater: Entscheidend für den Erfolg der Inszenierung ist ihre Substanz.. Effekte verpuffen von jetzt auf gleich – und wenn der Flitter sich legt und nur Erbärmliches bleibt, Ekliges oder noch weniger… Dann erweist sich, schönen Gruß an CDU und FDP in Niedersachsen, andererseits und wieder einmal: Allein im Theater ist wirklich alles erlaubt.

politik@fnp.de

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