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Kommentar: Trauer um Geißler: Ein Raufbold vor dem Herrn

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Der fruehere CDU-Generalsekretaer Heiner Geissler (Geißler) am 28.04.2017 bei einem Interview zur Bergpredigt, fuer die Zeitung "evangelischer Kirchenboten" in Speyer, in der Sozialstation Herxheim (Rheinland-Pfalz). Geissler, der 1. Vorsitzender der Oekumenischen Sozialstation Edenkoben-Herxheim-Offenbach e.V. war, starb jetzt im Alter von 87 Jahren im pfaelzischen Gleisweiler, wie die Familie am Dienstag (12.09.2017) der "Sueddeutschen Zeitung" mitteilte. Er galt als Querdenker und unbequemer Mahner. In seiner langen politischen Karriere bezog er sich immer wieder auf die christliche Soziallehre als Koordinatensystem. In den letzten Jahren trat er vor allem als Schlichter in grossen Tarifkonflikten hervor. Von den christlichen Kirchen forderte der Katholik mehr soziales und politisches Engagement und rief zur Ueberwindung der Kirchenspaltung auf. Sein Tod loeste in der Politik grosse Betroffenheit aus. (Siehe epd-Meldung vom 12.09.2017) Foto: Klaus Landry (epd) Der fruehere CDU-Generalsekretaer Heiner Geissler (Geißler) am 28.04.2017 bei einem Interview zur Bergpredigt, fuer die Zeitung "evangelischer Kirchenboten" in Speyer, in der Sozialstation Herxheim (Rheinland-Pfalz). Geissler, der 1. Vorsitzender der Oekumenischen Sozialstation Edenkoben-Herxheim-Offenbach e.V. war, starb jetzt im Alter von 87 Jahren im pfaelzischen Gleisweiler, wie die Familie am Dienstag (12.09.2017) der "Sueddeutschen Zeitung" mitteilte. Er galt als Querdenker und unbequemer Mahner. In seiner langen politischen Karriere bezog er sich immer wieder auf die christliche Soziallehre als Koordinatensystem. In den letzten Jahren trat er vor allem als Schlichter in grossen Tarifkonflikten hervor. Von den christlichen Kirchen forderte der Katholik mehr soziales und politisches Engagement und rief zur Ueberwindung der Kirchenspaltung auf. Sein Tod loeste in der Politik grosse Betroffenheit aus. (Siehe epd-Meldung vom 12.09.2017)

Das mit dem großen Chefposten wird auf ewig nichts mehr, Heiner Geißler war sich fast sicher. In einem Gespräch mit dem „SZ-Magazin“ sagte er vor gut zwei Jahren, im Himmel säßen „zu viele, die Päpste oder Parteivorsitzende gewesen sind und so einen wie mich nicht wollen“. Es schwangen in dem Satz, soweit Geschriebenes das transportieren kann, in harmonischer Mischung Selbstgewissheit und Heiterkeit und jene gelassene Weisheit, die sich aus einem mannigfaltigen Leben ergeben kann. Nicht muss.

Einen wie ihn – hat die Republik nun nicht mehr. Aber ist er nicht ohnehin ein Unikat gewesen? Einer, dem es gelang, die erbittertsten Kritiker seiner mittleren Jahre in die überzeugtesten Fans seiner späten zu verwandeln. Ohne es darauf anzulegen. Und ohne sich, vom inneren Grund her, selbst gewandelt zu haben. Wem im politischen Geschäft wäre das auch gelungen?

Cornelie Barthelme Bild-Zoom
Cornelie Barthelme

So wie Helmut Kohl irgendwann „Bundeskanzler“ als ersten Vornamen führte, hieß Heiner Geißler sehr schnell vorneweg „Generalsekretär“, und seit Kohl ihm Wohlwollen und Amt entzog, hing noch ein „Ex“ mit Bindestrich davor. Und wenn seine Nachfolger sich fast ausnahmslos hauptsächlich als Sekretäre verstanden: Er war – und blieb im Selbstverständnis wie in der öffentlichen Wahrnehmung – der Ex-CDU-General.

Dabei hatte er ja eigentlich Priester werden wollen und Missionar. Die Wortgewalt dazu hatte er, die Überzeugungskraft auch. Und bei den Jesuiten die drei ewigen Gelübde schon abgelegt: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Er sei, erzählte er später, nicht an der Armut gescheitert.

Er wurde statt Geistlicher lieber – und blieb es – ein Schmäher und Spötter vor dem Herrn. Teilte die Deutschen in anständige und unanständige – CDU- und SPD-Wähler. Und befand bis zum Schluss, die Sozialdemokraten hätten dieses Urteil verdient.

Und ja: Nach einem wie ihm darf man sich in der mittleren oder mittelspäten Merkel-Republik durchaus sehnen. Ach, muss man. Nach seinem klaren Verstand, seiner Lust an der bissigen Pointe – und seiner selbstsicheren Unerschrockenheit. Vielleicht hat ausgerechnet Johannes Rau, sein Bruder in Christus von der Konkurrenz-Konfession wie -Partei, ihn am genauesten und zugleich wohlwollendsten charakterisiert, als er ihn „Raufbold der Regierung“ nannte. Wer nur, um Himmels Willen, macht diesen Job heute?

Es werden nun, wie sich das gehört, wenn wichtig Gewesene sterben, viele Nekrologe erscheinen. Und etliche Autoren werden, wenn sie ehrlich sind mit sich selbst, wissen: Vor einem Vierteljahrhundert würden sie Heiner Geißler ganz anderes nachgerufen haben. Von ihm, der die Mitgliedschaft in der CDU und bei den Globalisierungskritikern von Attac zu vereinen wusste, war zu lernen, wie modern und politisch ungebunden und aufrührerisch wirklicher Wertekonservativismus ist. Da werden sie im Himmel ihre Freude haben. Mindestens die.

politik@fnp.de Bericht Seite 3

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