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Verkehrsplanung: Kommentar: Überholt – leider falsch

So zu tun, als ginge den Staat, beispielsweise, der Zusammenhang vom wirtschaftlichen Ausbluten ganzer Landstriche, Wohnungsnot in den Städten und Pendlerquote nichts an, ist schlicht Arbeitsverweigerung. Ein Kommentar von Cornelie Barthelme.
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Pendeln kann ein Traum sein, selbst im Großraum Berlin. Morgens um fünf zum Training – 32 Minuten für 32 Kilometer, alles flutscht. Keine drei Stunden später wird der Restweg zur Redaktion leicht zum Alptraum: für elf Kilometer locker eine Dreiviertelstunde. ÖPNV statt Auto ist um fünf noch unmöglich, ab sieben sind
S-, U- und Regionalbahnen knallvoll, auf dem Fahrrad in die und in der Hauptstadt wird mit jedem Frühling lebensgefährlicher – und ja: Man könnte näher ans Büro ziehen. Berlin-Mitte. Kostet auch nur die doppelte Miete, mindestens …

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Cornelie Barthelme

Sechzig Prozent aller Arbeitnehmer pendeln zum Job, Tendenz weiter steigend. Frankfurt hat die zweithöchste Zahl der Republik, Berlin seit der Jahrtausendwende den kräftigsten Zuwachs. Und es ist blanker Zufall, dass die Nachricht vom Pendler-Boom und das Rad-Schnellwege-Versprechen am selben Wochenende in die Welt platzen. Aber sie passen wunderbar zusammen.

Feinstaubalarm, Dauerstau, Parkplatznot, Lärm und nirgendwo Platz für Radler und Fußgänger: In der Provinz, wo seit je gependelt wird, alles unbekannt. In den Städten aber, und sie müssen nicht millionengroß sein, büßen die Menschen jeden Tag, dass im Bundesverkehrsministerium Politik gemacht wird wie vor fünfzig Jahren: Als könnte der Globus noch ein halbes Jahrhundert automobilzentriertes Denken und Handeln vertragen. Als dürfte die Republik von ihren Bürgern weiter tadelloses Wirtschaftswachstumsfunktionieren einfordern – und auf deren physisches und mentales und psychisches Wohlergehen pfeifen.

Nur eine klitzekleine Gegenrechnung: Die Abwrackprämie – ein reines Konjunkturprogramm für die Automobilindustrie – dotierte die erste große Koalition unter Angela Merkel einst mit fünf Milliarden Euro. Jetzt sind der zweiten mehr Sicherheit und Tempo für pendelnde Radler gerade mal 25 Millionen wert – und nur auf den allerletzten Drücker der Legislatur.

Und ja: Selbstverständlich ist keine Bundesregierung dafür verantwortlich, dass sich Lebensstile ändern und Unternehmen ihren Mitarbeitern ständig mehr auch räumliche Flexibilität abverlangen. Aber so zu tun, als ginge den Staat, beispielsweise, der Zusammenhang vom wirtschaftlichen Ausbluten ganzer Landstriche, Wohnungsnot in den Städten und Pendlerquote nichts an, ist schlicht Arbeitsverweigerung.

Und wer nun wieder „Pendlerpauschale abschaffen!“ brüllt oder fünf Euro für den Liter Benzin fordert, hat nichts begriffen. So simpel ist die Lösung nicht. Auch das automatisierte Fahren, das Minister und Bundestag mit unfasslicher Naivität angehen, wird sie nicht bringen – so lange eine Stadt wie Berlin schon an grüner Welle auf vier Kilometern sechsspuriger Ein- und Ausfallstraße scheitert.

Aber, wetten? In keinem Wahlprogramm wird sich eine wirkliche Zukunftsidee finden – und schon gar kein Plan. Beim Verkehr versteht die Politik überholt leider vollkommen falsch.

politik@fnp.de

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