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Martin Luther: Kommentar: Unser Richtmaß der Freiheit

Wie vor 500 Jahren braucht die Welt von heute Reformen, ja vielleicht sogar Revolutionen. Aber nicht als Shitstorm und Hass-Ekstase. FNP-Redakteur Michael Kluger blickt auf den Neuerer Martin Luther.
Bildnis von Martin Luther (um 1543/46) aus der Werkstatt von Lucas Cranach. Foto: Federico Gambarini Bildnis von Martin Luther (um 1543/46) aus der Werkstatt von Lucas Cranach.
Plötzlich war alles anders. Seine Botschaften verbreiteten sich im Nu – und veränderten das Gesicht der Welt. Alte Bündnisse zerbrachen. Anerkannte Autoritäten wankten. Überlieferte Gewissheiten standen auf einmal in Frage. Aus Wahrheit wurde Lüge, aus richtig wurde falsch. Deutschland, Europa und bald weitere Erdteile blickten in einen Abgrund von Angst und Unsicherheit. Die einen verloren die Orientierung, die anderen fühlten sich endlich befreit. Martin Luther ließ die Fundamente beben, auf denen jahrhundertelang das christliche Universum geruht hatte.

Nicht mehr die katholische Kirche in Rom war das Maß aller Dinge, sondern die Gestalt Jesus Christus, die Offenbarung der Bibel, das Wort der Evangelien, der Glaube in der Seele jedes Einzelnen. In Rom indes saß der Antichrist auf dem Thron, der Leibhaftige selbst, verkleidet als Papst. Und Luther klagte an: die Korruption des Klerus, die Geld- und Herrschsucht der Priesterkaste, die Entfremdung der Kirche vom Volk, Verschwendung, Pracht und Prunk einer kleinen Elite, die Verlogenheit und moralische Verkommenheit der Macht, die komplexen Lügen, die verwirrenden Heilsversprechen einer abgehobenen Führung.

Dieses Augustiner-Mönchlein, dessen Kutte so derb war wie sein Deutsch, dieser depressive, von Panikattacken geschüttelte und sich selbst kasteiende Klosterbruder, der jeden Aufruhr scheute, hatte eine revolutionäre Botschaft: Zurück zu den einfachen Wahrheiten, weg von spitzfindiger Theologie. Zurück zu Jesus Christus, diesem schlichten Schmerzensmann, der im Zeichen der Liebe gelitten hatte, der gestorben und auferstanden war für alle Menschen. Zurück zum fühlenden Herzen, zu Glaube und Caritas, zum individuellen Gewissen und zur guten Tat für den Mitmenschen. Freiheit für den Einzelnen, Verantwortung für den Nächsten – welch ein Programm! Und Gutenbergs neues Printmedium trug es in Form von Abhandlungen, Pamphleten und Flugblättern hinaus in die Köpfe.

Das ist 500 Jahre her. Und doch führt es mitten ins Heute. Hat nicht der gegenwärtige Papst Franziskus mehr von Luther als von Leo X.? Blicken wir nicht abermals in Abgründe der Angst und der Unsicherheit? Fortwährend gehen vertraute Gewissheiten, alte Koalitionen, vermeintlich unzerstörbare Wahrheiten zu Bruch. Unzählige Botschaften und Glaubensangebote zirkulieren im Netz. Lügner predigen wie Ankläger, Verkündiger höherer Einsichten sind ebenso allgegenwärtig wie falsche Propheten. Hier stehen Eliten unter Verdacht. Dort brüllt jemand: Wir sind das Volk! In unzähligen Verkleidungen steigen neue Antichristen auf die Throne und ermächtigen sich selbst.

Michael Kluger Bild-Zoom Foto: (FNP)
Michael Kluger
Und wie vor 500 Jahren braucht die Welt von heute Reformen, ja vielleicht sogar Revolutionen. Aber nicht als Shitstorm und Hass-Ekstase, sondern gemäßigt und gebändigt durch die Kraft des vernünftigen Arguments. Luther stand auf gegen die höchsten geistigen und weltlichen Autoritäten seiner Zeit, gegen Papst und Kaiser. Aber nicht als ein kläglicher, in einer hysterischen Masse verschwindender anonymer Feigling. Luther war sichtbar. Er war kenntlich. Er trat vor als Einzelner und verbürgte, was er zu bekennen hatte, mit dem ganzen Gewicht seiner persönlichen Existenz. Der Reformator setzte, wie einst Jesus Christus, sein Leben ein für seine Wahrheit. Und wofür er eintrat, war nicht diffus, obskur, verschwommen. Luther versuchte, es durch das Wort zu klären, es in Streit und Disput zu lichten. Er wollte sich auf Argumente stützen, nicht auf Ressentiments. Und er forderte von denen, die ihn mundtot und zum Widerruf zwingen wollten, Beweise, nicht Behauptungen. Wer ihn des Irrtums überführen wollte, sollte Belege liefern, statt Macht und Gewalt auszuüben. Er sollte mit verständlicher Rede überzeugen, statt mit Folter, Gefängnis oder dem Tod auf dem Scheiterhaufen zu drohen.

Luther ist keine reine Lichtgestalt der deutschen Geschichte. Er hat seine eigenen Abgründe. Verklärung ist so dumm wie der Versuch, von ihm eine Linie zu Hitler zu ziehen. Aber von Luther her leuchtet etwas in die Gegenwart, das sich zunehmend verdunkelt. Von Luther können wir lernen über die Kraft des Gewissens, über das unverbrüchliche Verhältnis von Freiheit und Verantwortung, über autoritäre Anmaßung und Widerstand aus innerer Stärke. Vor allem aber über das Verständnis jener Gestalt Jesus Christus, deren Botschaft zur Zivilisierung der Menschheit mehr beigetragen hat, als jene sich vorzustellen vermögen, die es offenbar für das unerlässliche Richtmaß der Freiheit halten, auch am Karfreitag tanzen zu können. An Ostern feiert die Christenheit das Mysterium der Auferstehung Jesu, das Leben, nicht den Tod. Das könnte allen Gutwilligen – Gläubigen wie Ungläubigen, Menschen aller Kulturen – ein Zeichen der Hoffnung sein.

michael.kluger@fnp.de

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