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200. Geburtstag: Kommentar: Was uns Marx heute sagt

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Ein Karl Marx Porträt aus dem Jahr 1875. Foto: AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung (AdsD/Friedrich-Ebert-Stiftung) Ein Karl Marx Porträt aus dem Jahr 1875.

Es geht ein Gespenst um, nicht nur in Europa, es heißt Karl Marx. Zu seinem heutigen 200. Geburtstag stellt sich alle Welt die Frage, wie aktuell ist der Marxismus, hat er uns noch etwas zu sagen? Überraschenderweise wird die Frage heute von vielen Menschen wieder mit Ja beantwortet. Das war gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch anders. Als die marxistische Welt des Kommunismus zusammenbrach, sah alles nach einem Siegeszug der westlichen Demokratie und Marktwirtschaft aus. Der wilde Manchester-Kapitalismus, den Marx einst analysiert und bekämpft hatte, schien gezähmt. Der amerikanische Philosoph Francis Fukuyama glaubte mit dem Ende des Kommunismus zugleich das „Ende der Geschichte“ gekommen. Es sollte nur noch darum gehen, letzte Unwuchten und Ungerechtigkeiten des Kapitalismus zu begradigen. Dann wäre alles gut.

War es aber nicht. Der Kapitalismus zeigte in den postsozialistischen Staaten wie Russland, Ungarn und der DDR (Treuhand) sein altes wildes Gesicht, so dass dort bald wieder die Sehnsucht nach der vermeintlich „guten, alten Ordnung“ aufkam. Entsprechende Sehnsüchte gibt es auch in Westeuropa und den USA. Dort aber ist die gute alte Ordnung nicht die Staatswirtschaft à la Marx, sondern die soziale Marktwirtschaft, die einen gelungenen Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit darstellte. Während die kommunistischen Revolutionäre letztlich wirtschaftlich und politisch an der Unterdrückung des Individuums scheiterten (und nur noch auf Kuba, in Nordkorea und China regieren), konnten in Westeuropa die sozialdemokratischen Reform-Marxisten ein gutes Leben für die kleinen Leute erkämpfen. Lange war dieser Kompromiss auch wirtschaftlich fruchtbar. Doch in Ländern wie England, Deutschland und Frankreich waren die an sich positiv zu wertenden Arbeitnehmerrechte irgendwann so stark geworden, dass sie zum Teil die wirtschaftliche Dynamik lähmten, die es auch braucht, wenn es immer mehr zu verteilen geben soll.

Dieter Sattler Bild-Zoom Foto: (FNP)
Dieter Sattler

Aus dieser Gemengelage entschlossen sich in Deutschland ausgerechnet die Sozialdemokraten zur Agenda 2010. Die Wirtschaftsreform entfachte zwar die Kräfte der Marktwirtschaft neu, aber damit auch ein Comeback des alten ungebändigten Kapitalismus. Arbeitnehmerrechte und Sicherheiten wurden geschleift, mancher muss drei Jobs gleichzeitig machen, um sich und seine Familie zu ernähren. Das ging auf die Akzeptanz der Sozialdemokraten. Aus Teilen ihres linken Flügels und den Nachfolgern der DDR-Staatspartei SED entstand die Linkspartei, die die Marx’sche Utopie von einer alle beglückenden Staatswirtschaft weiterträumt. Das führt nicht wirklich weiter. Aber die Sehnsucht nach alten Sicherheiten wurde verständlicherweise auch in anderen Parteien wiederbelebt. Mit Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer haben SPD und Union neue Hoffnungsträgerinnen, die aus der Tiefe der Provinz und ihrer reichen Traditionen kommen. Auch CSU-Chef Horst Seehofer wettert neuerdings gegen den Neoliberalismus und gründete ein Heimatministerium.

Marx hatte in seinem 1848 erschienenen Kommunistischen Manifest im Grunde schon all das beschrieben, was wir heute teils schmerzlich erleben: Die Auflösung von alten Werten, von Familie, Religion, Zugehörigkeiten und Sicherheiten. Er konnte das relativ emotionslos beschreiben, weil er glaubte, das Patentrezept zu haben, das mit dem Kommunismus eine schöne, bessere Welt als die alte schafft.

Wir haben es nach dem kompletten Scheitern dieser Utopie ungleich schwerer und müssen uns in jener unübersichtlichen Welt einrichten, die für ihn nur ein Durchgangsstadium war. Während Marx die klassenlose Gesellschaft geschichtlich zwingend kommen sah und irrte, wird sein Drang nach Gerechtigkeit heute immer noch gebraucht, um den Kapitalismus (wieder) einzuhegen. Die Utopie, für die es sich weiter zu kämpfen lohnt, heißt heute Erhaltung der – und für viele Arbeitnehmer auch Rückkehr zur – sozialen Marktwirtschaft. Sicherheit im Wandel – diese alte Parole der SPD bringt es auf den Punkt. Die alte Sozialdemokratie reloaded, von welcher Partei auch immer. Marxens Ideen leben weiter – aber ganz anders, als er einst dachte.

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