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EZB: Kommentar: Zu früh, um die Medikamente abzusetzen

"Die Notenbanker tun gut daran, ihre Behandlung nicht schnell zu beenden", sagt unser Kommentarschreiber Panagiotis Koutoumanos.
EZB-Turm in Frankfurt. Foto: Boris Roessler EZB-Turm in Frankfurt.

Stellen Sie sich vor, Sie sind lange Zeit sehr krank gewesen – so krank, dass ihr Leben gefährdet war. In schneller Folge hatte eine seltene Infektion ein wichtiges Organ nach dem anderen erfasst. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber der Exitus schien unausweichlich. Erfahrungen mit der Bekämpfung dieser seltenen Erkrankung waren kaum vorhanden. Ein einziger Arzt hatte den Mut, Ihnen Medikamente zu verschreiben, um Sie vor dem Tod zu bewahren und auf dem Weg der Heilung zu begleiten. Sie haben sich auf die Behandlung eingelassen – und tatsächlich geht es Ihnen nun viel besser. Einige Organe funktionieren zwar noch nicht hundertprozentig, aber im Großen und Ganzen fühlen Sie sich ganz gut. Ihr Eindruck: Wenn Sie die Therapie beenden, werden Sie noch mehr Lebensfreude verspüren. Zudem haben Sie Angst vor den möglichen langfristigen Risiken und Nebenwirkungen der Arzneien. Deshalb verlangen sie nun vom Arzt, die Medikamente absetzen zu dürfen. Was soll Ihr Arzt tun? Ihre Forderung erfüllen? Oder soll er dem Ratschlag des Herstellers und dem Beispiel ähnlicher Behandlungen folgen und die Medikation bei verringerter Dosis zunächst fortsetzen – bis er ganz sicher ist, dass Sie vollkommen geheilt sind?

<span></span> Bild-Zoom Foto: (FNP)

In dieser schwierigen Situation befindet sich die Europäische Zentralbank (EZB). Zehn Jahre nach Ausbruch der globalen Finanz- und Konjunkturkrise sowie der Staatsschuldenkrise in der Eurozone scheint die Währungsunion dank der unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen der EZB insgesamt gesundet zu sein. Das Schreckgespenst der Deflation ist vertrieben. Trotzdem hat sich die Notenbank nun – zu Recht – entschieden, die Behandlung fortzusetzen: um die Konjunktur in der Eurozone weiter anzukurbeln und damit die Inflation endlich auf den Zielwert von mittelfristig „nahe, aber unter zwei Prozent“ zu hieven. Das ist der Wert, der für Preisstabilität, für Gesundheit steht. Und diese zu gewährleisten, ist die Aufgabe der EZB. Dazu will die Notenbank mindestens bis September 2018 ihre Anleihekäufe fortsetzen, dabei aber das monatliche Volumen halbieren. Und erst lange nachdem diese Käufe beendet sind, wollen die Notenbanker damit beginnen, auch die Dosis der anderen „Medikamente“ schrittweise herunterfahren – sprich, die Leitzinsen sukzessive zu erhöhen. Mit der ersten Zinserhöhung ist somit nach derzeitigem Stand erst fürs zweite Halbjahr 2019 zu rechnen.

Für die vergleichsweise wohlhabende und risikoscheue Sparernation Deutschland, die ihr großes Privatvermögen mehrheitlich immer noch auf Tagesgeld-Konten, Sparbüchern und Rentenpapieren hortet, statt in Aktien zu investieren, mag dies zunächst nach einer schlechten Nachricht klingen. Unter Berücksichtigung der Inflation bleiben auch zehnjährige Bundesanleihen vorläufig ein Verlustgeschäft. Tatsächlich könnte Deutschland mit höheren Zinsen leben. Aber die EZB muss nun mal alle 19 Euro-Länder im Blick haben – darunter wichtige wie Italien, das gar nicht genug bekommen kann von den milliardenschweren Anleihekäufen und den niedrigen Zinsen. Und bricht Italien zusammen, steht wieder die gesamte Eurozone vor dem Kollaps.

Aber davon abgesehen, dass von der EZB-Geldflut auch der Bundesfinanzminister bei der Kreditaufnahme hunderte Milliarden Euro eingespart hat, die den Bürgern zugute kommen, ist eine behutsame, schrittweise Beendigung der geldpolitischen Maßnahmen nicht nur für schwache Mitgliedsstaaten wie Italien wichtig, sondern für die gesamte Wirtschaft der Eurozone. Denn schließt die EZB die Geldschleusen zu schnell, würde das die Finanzmärkte heftig durchrütteln: Aktienkurse würden abrupt abstürzen, während Anleiherenditen, Kreditzinsen und der Euro in die Höhe schießen würden. Für Unternehmen, deren Finanzierung und Exporte wäre das verheerend. Die konjunkturelle Erholung der Eurozone wäre beendet. Die EZB müsste mit ihrer Behandlung von neuem beginnen – aber dafür hat sie de facto vor allem bei ihren Anleihekäufen kaum noch Luft nach oben.

Unter diesen Gesichtspunkten tun die Notenbanker gut daran, ihre Behandlung nicht schnell zu beenden. Zumal selbst in Deutschland von gefährlichen Nebenwirkungen noch nicht die Rede sein kann – auch bei den kräftig gestiegenen Immobilienpreisen ist keine Blasenbildung in Form überschwänglicher Kreditvergabe zu erkennen. Stattdessen profitieren nun hierzulande Finanzinstitute wie die Sparkassen von der Neujustierung der Anleihe-Käufe. Denn durch die monatlichen Kürzungen bei gleichzeitig verlängerter Dauer steigen die langfristigen Zinssätze relativ zu den kurzfristigen. Und da ihr Geschäftsmodell ja darin besteht, sich für kurze Zeit Geld zu leihen und dieses für lange Zeit an Kunden zu verleihen, sollten ihre Gewinne nun steigen.

panagiotis.koutoumanos@fnp.de

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